11 „Aber du hast sie erwähnt, hier und jetzt — und nun hast du das Geld, gib es deinem Vater."
12 „Nimm das Geld zurück (возьми деньги обратно)", sagte er, „das kannst du nicht tun (ты не можешь так поступать: «это делать»)."
13 „Warum nicht (почему нет)?" sagte ich ruhig, „ich habe geklaut damals, und ich bezahle jetzt das (и я теперь плачу за то), was ich geklaut habe. Sonst noch was auf der Rechnung (что-нибудь ещё /стоит/ в счёте)?"
14 Er schwieg (он молчал;
1 „Übrigens", sagte er, „hat die Sache geklappt."
2 Ich sah fragend zu ihm auf.
3 „Hat Ulla dir gestern nicht erzählt von dem Auftrag für die Tritonia?"
4 „Doch", sagte ich leise, „sie hat mir gestern davon erzählt."
5 „Wir haben den Auftrag bekommen", sagte Wolf strahlend, „heute Morgen ist der Zuschlag erteilt worden. Ich hoffe, du wirst wieder zurechnungsfähig sein, wenn wir anfangen, am Freitag. Was soll ich Vater sagen? Was soll ich Vater überhaupt sagen? Er ist so wütend auf dich, wie er es seit der dummen Geschichte damals nicht mehr gewesen ist."
6 Ich legte das Brötchen weg und stand auf.
7 „Seit welcher Geschichte?" sagte ich. Ich sah seinem Gesicht an, dass es ihm Leid tat, davon angefangen zu haben, aber er hatte davon angefangen — und ich öffnete meine hintere Hosentasche, in der mein Geld eingeknöpft war, ließ die Geldscheine durch meine Hand gleiten, entsann mich plötzlich, dass es nur Hunderter und Fünfziger waren, steckte das Geld wieder weg, knöpfte den Knopf zu und griff in die Rocktasche, in der noch das Geld war, das ich von der Theke des Blumenladens wieder weggenommen hatte. Ich nahm einen Zwanzigmarkschein, ein Zweimarkstück und fünfzig Pfennige, nahm Wolfs rechte Hand, öffnete sie und drückte das Geld hinein.
8 „Das ist für die Geschichte damals", sagte ich. „Zwei Mark und fünfundzwanzig kosteten die Kochplatten, die ich geklaut hatte. Gib das Geld deinem Vater, es waren genau zehn."
9 „Die Geschichte", sagte ich leise, „wird wohl sechs Jahre her sein, aber ihr habt sie nicht vergessen. Ich bin froh, dass du mich daran erinnerst."
10 „Es tut mir Leid", sagte Wolf, „dass ich sie erwähnt habe."
11 „Aber du hast sie erwähnt, hier und jetzt — und nun hast du das Geld, gib es deinem Vater."
12 „Nimm das Geld zurück", sagte er, „das kannst du nicht tun."
13 „Warum nicht?" sagte ich ruhig, „ich habe geklaut damals, und ich bezahle jetzt das, was ich geklaut habe. Sonst noch was auf der Rechnung?"
14 Er schwieg, und jetzt tat er mir Leid, weil er nicht wusste, was er mit dem Geld anfangen sollte: er hielt es in seiner Hand, und ich sah, dass sich in der gekrümmten Hand Schweißperlen bildeten, auch auf seinem Gesicht waren welche, und er machte ein Gesicht, wie er es gemacht hatte, wenn die Gehilfen ihn anbrüllten — oder wenn sie Zoten erzählten.
1 „Wir waren beide sechzehn (нам обоим было /по/ шестнадцать /лет/), als die Geschichte passierte (когда произошла /эта/ история)", sagte ich, „wir fingen zusammen die Lehre an (мы начинали вместе учёбу;
2 Ich öffnete seine Hand wieder (я снова раскрыл его ладонь), sie war warm und naß von Schweiß (и мокрая = влажная от пота), und ich steckte die Münzen und den Schein wieder in meine Rocktasche zurück (засунул обратно в карман моего пиджака;
3 „Geh jetzt", sagte ich leise, aber er blieb stehen (но он продолжал стоять) und sah mich an (и смотрел на меня;
1 „Wir waren beide sechzehn, als die Geschichte passierte", sagte ich, „wir fingen zusammen die Lehre an — aber nun bist du dreiundzwanzig, und du hast sie nicht vergessen. Komm, gib das Geld zurück, wenn es dich quält. Ich kann es ja deinem Vater schicken."
2 Ich öffnete seine Hand wieder, sie war warm und naß von Schweiß, und ich steckte die Münzen und den Schein wieder in meine Rocktasche zurück.
3 „Geh jetzt", sagte ich leise, aber er blieb stehen und sah mich an, wie er mich damals angesehen hatte, als herauskam, dass ich geklaut hatte: er hatte es nicht geglaubt und mich verteidigt mit seiner hellen, eifrigen Jungenstimme, und er war mir damals — obwohl wir auf den Monat gleichaltrig waren — vorgekommen wie ein sehr viel jüngerer Bruder, der die Prügel einsteckt, die man selbst verdient hat; der Alte hatte ihn angebrüllt und ihnzuletzt geohrfeigt, und ich hätte tausend Brote darum gegeben, wenn ich den Diebstahl nicht hätte zugeben müssen. Aber ich hatte ihn zugeben müssen; draußen auf dem Hof vor der Werkstatt, die schon im Dunkeln lag, unter der jämmerlichen 15-Watt-Birne, die lose in einer verrosteten Fassung hing und im Novemberwind schaukelte. Wolfs helle, protestierende Kinderstimme war von meinem winzigen Ja getötet worden, als der Alte mich fragte, und die beiden waren zusammen über den Hof in die Wohnung gegangen. Wolf hatte mich immer für das gehalten, was in seinem Kinderherzen ein „feiner Kerl" war, und es war schlimm für ihn gewesen, mir diesen Titel streichen zu müssen. Ich fühlte mich dumm und elend, als ich in der Straßenbahn ins Lehrlingsheim zurückfuhr: ich hatte nicht eine Sekunde lange Gewissensbisse wegen der geklauten Kochplatten, die ich gegen Brot und Zigaretten getauscht hatte; ich hatte schon angefangen, mir über die Preise Gedanken zu machen. Es hatte mir nichts daran gelegen, von Wolf für einen feinen Kerl gehalten zu werden, aber es lag mir etwas daran, von ihm nun berechtigterweise nicht dafür gehalten zu werden.
1 Am anderen Morgen hatte der Alte mich ins Büro rufen lassen (позвал меня в контору), hatte Veronika hinausgeschickt (выслал = отправил /из комнаты/ Веронику), und seine dunklen Hände hatten verlegen mit der Zigarre gespielt (его тёмные руки смущённо играли сигарой), dann hatte er — was er sonst nie tat (что он ещё никогда не делал) — seinen grünen Filzhut vom Kopf genommen (снял с головы свою зелёную фетровую шляпу) und gesagt: „Ich habe Kaplan Derichs angerufen (я звонил капеллану Дериксу) und erst jetzt erfahren (и только сейчас узнал), dass deine Mutter vor kurzem gestorben ist (что твоя мать недавно умерла). Wir wollen nie mehr davon reden (мы больше никогда не будем об этом говорить), nie mehr, hörst du (ты слышишь)? Nun geh."
2 Ich ging, und als ich in die Werkstatt zurückkam (и когда я вернулся в мастерскую;
3 Er sah jetzt aus, wie Männer aussehen (как выглядят мужчины), die mit vierzig Jahren (которые в сорок лет) das verlieren (теряют то) was sie ihre Ideale nennen (что они называют своими идеалами): ein bisschen schwammig schon (уже немного обрюзгший), und freundlich (приветливый) und selbst ein bisschen von dem (и сам немного из тех), was sie feiner Kerl nennen (кого они называют «хорошим парнем»).
4 „Was soll ich denn Vater sagen?"
5 „Schickt er dich?"
6 „Nein", sagte er, „ich weiß nur, dass er sehr böse ist und dass er versuchen wird (и что он попытается), dich zu erreichen (тебя достать = связаться с тобой), um über den Tritonia-Auftrag mit dir zu reden (чтобы поговорить с тобой о заказе /для/ Тритонии)."
7 „Ich weiß noch nicht, was sein wird (что будет)!"
8 „Weißt du es wirklich nicht?"
9 „Nein", sagte ich, „wirklich nicht."
10 „Stimmt es (это верно;
11 „Ja", sagte ich, „es stimmt genau (это точно = совершенно верно), was die Mädchen sagen: ich bin hinter einem Mädchen her."
12 „Mein Gott", sagte er, „man dürfte dich nicht allein lassen (тебя нельзя оставлять одного), mit all dem Geld in der Tasche (со всеми /этими/ деньгами в кармане)."
13 „Man muss sogar (даже нужно)", sagte ich sehr leise, „geh jetzt, und bitte", sagte ich noch leiser, „frage mich nicht mehr (не спрашивай меня больше), was du deinem Vater sagen sollst."
1 Am anderen Morgen hatte der Alte mich ins Büro rufen lassen, hatte Veronika hinausgeschickt, und seine dunklen Hände hatten verlegen mit der Zigarre gespielt, dann hatte er — was er sonst nie tat — seinen grünen Filzhut vom Kopf genommen und gesagt: „Ich habe Kaplan Derichs angerufen und erst jetzt erfahren, dass deine Mutter vor kurzem gestorben ist. Wir wollen nie mehr davon reden, nie mehr, hörst du? Nun geh."
2 Ich ging, und als ich in die Werkstatt zurückkam, dachte ich: Wovon nicht mehr reden? Von Mutters Tod? Und ich hasste den Alten noch mehr als vorher: ich kannte denGrund nicht, aber ich wusste, dass ich Grund hatte. Seitdem war nie mehr von der Geschichte gesprochen worden, nie mehr — und ich hatte nie mehr geklaut, nicht, weil ich das Klauen für unberechtigt gehalten hätte, sondern weil es mir schrecklich war, von ihnen noch einmal Mutters Tod wegen etwas verziehen zu bekommen. „Geh jetzt", sagte ich zu Wolf, „geh." „Es tut mir Leid", sagte er, ;,es ... ich ..." Seine Augen sahen aus, als glaube er immer noch an feine Kerle, und ich sagte: „Es ist gut jetzt, denke nicht mehr daran und geh."
3 Er sah jetzt aus, wie Männer aussehen, die mit vierzig Jahren das verlieren was sie ihre Ideale nennen: ein bisschen schwammig schon, und freundlich und selbst ein bisschen von dem, was sie feiner Kerl nennen.
4 „Was soll ich denn Vater sagen?"
5 „Schickt er dich?"
6 „Nein", sagte er, „ich weiß nur, dass er sehr böse ist und dass er versuchen wird, dich zu erreichen, um über den Tritonia-Auftrag mit dir zu reden."
7 „Ich weiß noch nicht, was sein wird!"
8 „Weißt du es wirklich nicht?"
9 „Nein", sagte ich, „wirklich nicht."
10 „Stimmt es, was die Mädchen von Frau Flink sagten: dass du hinter einem Mädchen her bist?"
11 „Ja", sagte ich, „es stimmt genau, was die Mädchen sagen: ich bin hinter einem Mädchen her."
12 „Mein Gott", sagte er, „man dürfte dich nicht allein lassen, mit all dem Geld in der Tasche."
13 „Man muss sogar", sagte ich sehr leise, „geh jetzt, und bitte", sagte ich noch leiser, „frage mich nicht mehr, was du deinem Vater sagen sollst."
1 Er ging, und ich sah ihn draußen (и я увидел его на улице) am Schaufenster vorbeigehen mit herunterhängenden Armen (как он идёт мимо витрины, /идёт/ с опущенными: «свисающими» руками), wie einen Boxer (как боксёр), der in einen aussichtslosen Kampf geht (который идёт на безнадёжный, бесперспективный бой;
2 „Es ist ein Haken an der Tür", sagte ich.
3 „Wo?" sagte Hedwig.
4 „Hier", sagte ich, und ich klopfte oberhalb des Türknopfes von außen gegen die Tür (и я постучал повыше дверной ручки снаружи = с внешней стороны двери;
1 Er ging, und ich sah ihn draußen am Schaufenster vorbeigehen mit herunterhängenden Armen, wie einen Boxer, der in einen aussichtslosen Kampf geht. Ich wartete, bis er um die Ecke der Korbmachergasse verschwunden sein musste, dann stellte ich mich in die offene Ladentür und wartete, bis ich den Wickweberwagen in Richtung Bahnhof davonfahren sah. Ich ging in das Hinterzimmer zurück, trank den Kaffee im Stehen aus und steckte das dritte Brötchen in die Tasche. Ich blickte auf meine Armbanduhr, jetzt oben hin, wo die Zeit lautlos und langsam weitergeschoben wurde, und ich hoffte, es würde halb sechs oder sechs sein, aber es war erst vier. Ich sagte „Auf Wiedersehen" zu der jungen Frau hinter der Theke und ging zu meinem Auto zurück: im Spalt zwischen den beiden Sitzen vorne sah ich eine weiße Spitze von dem Zettel, auf den ich mir morgens die Kunden notiert hatte, die ich alle hätte besuchen müssen. Ich öffnete die Autotür, zog den Zettel, zerriss ihn und warf die Schnippel in die Gosse. Ich wäre am liebsten wieder auf die andere Straßenseite gegangen und wäre tief, tief unters Wasser versunken, aber ich errötete bei dem Gedanken daran, ging zur Tür des Hauses, in dem Hedwig wohnte, und drückte die Klingel; ich drückte zweimal, dreimal und noch einmal, und ich wartete auf das Geräusch des Summers, aber das Geräusch kam nicht, und ich drückte noch zweimal auf die Klingel, und wieder ging der Summer nicht, und ich hatte die Angst wieder, dieselbe Angst, die ich gehabt hatte, bevor ich zu Hedwig auf die andere Seite der Bahnsteigtreppe gegangen war — aber dann hörte ich Schritte, Schritte, die nicht Frau Grohltas Schritte sein konnten, eilige Schritte, die Treppe herunter, durch den Flur, und Hedwig öffnete die Tür: sie war größer, als ich sie in Erinnerunghatte, fast so groß wie ich, und wir erschraken beide, als wir plötzlich so nahe beieinander standen. Sie wich einen Schritt zurück, hielt aber die Tür auf, und ich wusste, wie schwer die Tür war, weil wir sie hatten aufhalten müssen, als wir die Maschinen für Frau Flink hineingetragen hatten, bis Frau Flink gekommen war und die Tür eingehakt hatte.
2 „Es ist ein Haken an der Tür", sagte ich.
3 „Wo?" sagte Hedwig.
4 „Hier", sagte ich, und ich klopfte oberhalb des Türknopfes von außen gegen die Tür, und ihre linke Hand und ihr Gesicht verschwanden für einige Augenblicke im Dunkel hinter der Tür. Das Licht fiel von der Straße hell auf sie, und ich sah sie mir genau an; ich wusste, dass es schrecklich für sie war, so angesehen zu werden, wie ein Bild angesehen wird, aber sie hielt meinen Blick fest, ließ nur die Unterlippe ein wenig hängen, und sie sah mich so genau an, wie ich sie ansah, und ich spürte, dass meine Angst weg war. Wieder spürte ich den Schmerz, mit dem dieses Gesicht in mich eindrang.
1 „Damals", sagte ich, „waren Sie blond."
2 „Wann, damals?" fragte sie.
3 „Vor sieben Jahren (семь лет тому назад), kurz bevor ich von zu Hause wegging (незадолго до того, как я ушёл из дома)."
4 „Ja", sagte sie lächelnd, „damals war ich blond und blutarm (и малокровная;
5 „Ich sah nach blonden Mädchen aus heute morgen (я высматривал светловолосую девушку сегодня утром)", sagte ich, „aber Sie haben die ganze Zeit hinter mir auf dem Koffer gesessen (но Вы всё время сидели на чемодане позади меня)."
6 „Nicht lange (не долго)", sagte sie, „ich hatte mich gerade hingesetzt (я как раз села), als Sie kamen (когда Вы пришли). Ich habe Sie gleich erkannt (я Вас немедленно = сразу узнала;
7 „Warum?" sagte ich.
8 „Weil Sie so ein böses Gesicht hatten (потому, что у Вас было такое сердитое лицо), und weil Sie so erwachsen und so wichtig aussahen (и потому, что Вы выглядели таким взрослым и таким важным), und ich habe Angst vor wichtigen Leuten (а я боюсь важных людей)."
9 „Was dachten Sie (что Вы подумали)?" fragte ich.
10 „Oh, nichts", sagte sie. „Ich dachte: das ist also der junge Fendrich (так это молодой Фендрих); auf dem Bild (на фотографии), das Ihr Vater hat, sehen Sie viel jünger aus (Вы выглядите намного моложе). Man spricht nicht gut von Ihnen (о Вас нехорошо говорят). Jemand hat mir erzählt (кто-то мне рассказывал), dass Sie gestohlen haben (что Вы /что-то/ украли;
11 „Nicht", sagte ich leise, „werden Sie nicht rot (не краснейте). Ich habe wirklich gestohlen (я действительно украл), aber es ist sechs Jahre her (но это было шесть лет тому назад), und es war (это было) — ich würde es wieder tun (я сделал бы это снова). Wer hat es Ihnen erzählt?"
12 „Mein Bruder", sagte sie, „und er ist gar kein übler Kerl (а он совсем не плохой парень;
13 „Nein", sagte ich, „er ist gar kein übler Kerl. Und Sie haben daran gedacht (и Вы думали о том), dass ich gestohlen habe (что я /когда-то/ украл;
14 „Ja", sagte sie, „ich habe daran gedacht, aber nicht lange (но не долго)."
15 „Wie lange denn (всё же, как долго)?" fragte ich.
16 „Ich weiß nicht", sagte sie lächelnd (сказала она, улыбаясь), „ich habe auch an andere Dinge gedacht (я думала и о других вещах;
17 Ich zog das Brötchen aus der Rocktasche (я вытащил булочку из кармана пиджака;
18 „Liegt Ihnen viel daran (Вам очень важно), es zu wissen (это знать)?"