3 „Es ist mir sogar gleichgültig (мне даже безразлично), dass ihr von meinem sagenhaften Diebstahl diesen Leuten erzählt habt (что вы рассказали этим людям о моей легендарной краже;
4 Sie schwieg immer noch (она всё ещё, по-прежнему молчала), blickte an mir vorbei (смотрела мимо меня), und ich sagte: „Ich klaute damals (я крал тогда), wenn ich zu Hause war, meinem Vater Bücher (книги моего отца), um mir Brot zu kaufen (чтобы купить себе хлеб), Bücher, die er liebte, die er gesammelt, für die er als Student gehungert hatte (ради которых он, будучи студентом, голодал) — Bücher, für die er den Preis von zwanzig Broten bezahlt hatte (за которые он заплатил цену двадцати буханок хлеба), verkaufte ich um den Preis eines halben (я продавал по цене половины /буханки/): das ist der Zinssatz (это — процентная ставка;
5 „Auch wir", sagte Ulla leise, „auch wir bezahlen Zinsen (мы тоже платим проценты) — Zinsen", sagte sie noch leiser, „die du nicht kennst (о которых ты не знаешь)."
6 „Ja", sagte ich, „ihr zahlt sie (вы платите их /проценты/), und ihr wisst nicht einmal genau (и вы даже точно не знаете), wie hoch der Prozentsatz ist (как высока /эта/ процентная ставка;
7 Sie zuckte zusammen (она вздрогнула), als ich „Brot" sagte, und jetzt tat sie mir Leid (и теперь мне было её жаль). „Schlag mich (ударь меня), wenn du willst", sagte sie, „schütte mir den Tee ins Gesicht (вылей мне чай в лицо) — rede, rede weiter (продолжай говорить), du, der du gar nicht reden wolltest (ты, который совсем не хотел говорить) — aber bitte sprich das Wort ,Brot' nicht mehr aus (но, пожалуйста, не произноси больше слово «хлеб»;
8 Sie sah mich an (она посмотрела на меня), und ich wusste (и я осознал), dass sie später (что позднее она), wenn sie zu Hause (когда она дома) an der dunklen Werkstatt vorbei (мимо тёмной мастерской) ins Haus ihres Vaters (/пойдёт/ в дом своего отца), wenn sie zwischen Büschen durch über den Kiesweg unter dem Holunderbusch hergehen würde (когда она пойдёт между кустами по усыпанной гравием дорожке с кустами бузины;
9 Ich hatte geglaubt (я полагал), sie würde triumphieren (она будет торжествовать), aber nun triumphierte ich (но теперь торжествовал я), und ich spürte den sauren Geschmack des Triumphes auf meiner Zunge (и я ощущал кислый вкус триумфа на своём языке;
1 „Studiere die Lohnlisten noch einmal durch", sagte ich, „Listen, die du geführt hast, lies die Namen noch einmal — laut und andächtig, wie man eine Litanei liest —, rufe sie aus und sage hinter jedem Namen: Verzeih uns — dann addiere die Namen, multipliziere die Zahl der Namen mittausend Broten — dieses Ergebnis wieder mit tausend: dann hast du die Anzahl der Flüche, die auf dem Bankkonto deines Vaters ruhen. Die Rechnungseinheit ist das Brot, das Brot dieser frühen Jahre, die in meiner Erinnerung wie unter einem tiefen Nebel liegen: die Suppe, die uns verabreicht wurde, kullerte flau in unserem Magen, heiß und sauer stieß sie uns auf, wenn wir abends in der Straßenbahn nach Hause schaukelten: es war das Rülpsen der Machtlosigkeit, und der einzige Spaß, den wir hatten, war der Hass — Hass", sagte ich leise —, „der längst aus mir herausgeflogen ist wie ein Rülpser, der hart im Magen gedrückt hat. Ach, Ulla", sagte ich leise, und ich blickte sie zum ersten Male richtig an, „willst du mir wirklich einreden, mich glauben machen, dass es mit der Suppe und dem kleinen Lohnaufschlage getan war ... willst du das? Denke nur an die großen Rollen Ölpapier!"
2 Sie rührte in ihrem Kaffee, blickte mich wieder an, hielt mir ihre Zigaretten hin; ich nahm eine, gab ihr Feuer, zündete meine an.
3 „Es ist mir sogar gleichgültig, dass ihr von meinem sagenhaften Diebstahl diesen Leuten erzählt habt — aber willst du mich im Ernst glauben machen, dass wir nicht alle, alle, die wir in eurer Lohnliste standen, hin und wieder ein paar Extrabrote hätten haben dürfen?" —
4 Sie schwieg immer noch, blickte an mir vorbei, und ich sagte: „Ich klaute damals, wenn ich zu Hause war, meinem Vater Bücher, um mir Brot zu kaufen, Bücher, die er liebte, die er gesammelt, für die er als Student gehungert hatte — Bücher, für die er den Preis von zwanzig Broten bezahlt hatte, verkaufte ich um den Preis eines halben: das ist der Zinssatz, den wir bekommen: minus zweihundert bis minus unendlich."
5 „Auch wir", sagte Ulla leise, „auch wir bezahlen Zinsen — Zinsen", sagte sie noch leiser, „die du nicht kennst."
6 „Ja", sagte ich, „ihr zahlt sie, und ihr wisst nicht einmal genau, wie hoch der Prozentsatz ist — aber ich, ich nahm die Bücher wahllos, wählte sie nur nach der Dicke aus; mein Vater hatte so viele, dass ich glaubte, es würde nicht auffallen — erst später wusste ich, dass er jedes einzelne genau kennt wie ein Hirt seine Herde — und eins dieser Bücher war winzig und schäbig, häßlich war es — ich gab es um den Preis einer Schachtel Zündhölzer ab — aber später erfuhr ich, dass es so viel wert war wie ein ganzer Waggon Brot. Später bat mein Vater mich, und er errötete, als er es mir sagte, ich solle ihm den Verkauf der Bücher überlassen — und er verkaufte sie selbst, schickte mir das Geld, und ich kaufte mir Brot ..."
7 Sie zuckte zusammen, als ich „Brot" sagte, und jetzt tat sie mir Leid. „Schlag mich, wenn du willst", sagte sie, „schütte mir den Tee ins Gesicht — rede, rede weiter, du, der du gar nicht reden wolltest — aber bitte sprich das Wort ,Brot' nicht mehr aus: schenk es mir, es hören zu müssen ... bitte", sagte sie, und ich sagte leise: „Entschuldige — ich werde es nicht mehr sagen." Ich sah sie wieder an und erschrak: die Ulla, die dort saß, veränderte sich unter meinen Worten, unter meinen Blicken, unter der Wirkung des kleinen Zeigers, der unter der Speisekarte weiterbohrte: sie war nicht mehr die, für die meine Worte bestimmt gewesen waren. Ich hatte geglaubt, sie würde viel reden und auf eine gleichgültige Weise Recht haben — aber nun hatte ich viel geredet und ich war es, der auf eine gleichgültige Weise Recht hatte.
8 Sie sah mich an, und ich wusste, dass sie später, wenn sie zu Hause an der dunklen Werkstatt vorbei ins Hausihres Vaters, wenn sie zwischen Büschen durch über den Kiesweg unter dem Holunderbusch hergehen würde: dass sie tun würde, was ich am wenigsten von ihr erwartet hätte: dass sie weinen würde, und eine weinende Ulla war eine, die ich nicht kannte.
9 Ich hatte geglaubt, sie würde triumphieren, aber nun triumphierte ich, und ich spürte den sauren Geschmack des Triumphes auf meiner Zunge.
1 Sie hatte den Kaffee nicht angerührt (она не притронулась к кофе;
2 „Ich habe es nicht all die Jahre über gedacht (я об этом думал не все /эти/ годы)", sagte ich, „es ist anders (это — другое): heute, vielleicht hier erst (возможно, здесь только), fielen sie mir ein (пришли они /проклятья/ мне на ум;
3 „Du könntest Recht haben (ты, возможно, прав)", sagte sie, „auch ich weiß erst heute, erst jetzt, dass mir das Geld gleichgültig ist (что деньги мне безразличны;
4 „Ja", sagte ich, „es ist zu spät — man sieht (ты видишь), wie das Pferd durchs Ziel läuft (как финиширует лошадь), auf das man tausend Mark hatte setzen wollen (на которую хотел поставить тысячу марок) — man hat den ausgefüllten Wettschein schon in der Hand (в руке уже заполненная квитанция состязания), den weißen Zettel (белый листок), der ein Vermögen wert wäre (который стоил бы /целое/ состояние), wenn man gesetzt hätte (если бы ставка была сделана: «если бы поставил»), aber man hat nicht gesetzt (но ставка не была сделана) — und der Zettel ist wertlos (и листок /теперь/ ничего не стоит: «нестоящий»); es hat keinen Sinn (нет никакого смысла), ihn als Andenken aufzubewahren (хранить его как память)."
5 „Man hat nur noch die tausend Mark (есть только ещё тысяча марок = было бы…)", sagte sie — „aber du würdest wahrscheinlich die tausend Mark mit dem Zettel in die Gosse werfen (но ты бы, вероятно, выбросил в сточную канаву /эту/ тысячу марок /вместе/ с листком)."
6 „Ja", sagte ich, „ich glaube, das würde ich tun." Ich goss die Milch in den kalten Tee (я налил молоко в холодный чай;
7 „Kann ich dich nicht nach Hause bringen (не могу ли я отвезти тебя домой)?" sagte ich.
8 „Nein", sagte sie, „ich bleib' noch hier. Geh nur."
9 Aber ich blieb sitzen (но я остался сидеть) und sie sagte: „Gib mir deine Hand (дай мне твою руку)", und ich gab sie ihr. Sie hielt sie einen Augenblick fest (мгновение она удерживала её /руку/;
10 „Verzeih (извини)", sagte sie, „das wollte ich nicht (я этого не хотела) — nein." Ich spürte einen heftigen Schmerz in der Hand (я почувствовал острую боль в руке), aber ich glaubte ihr (но я поверил ей), dass sie es nicht mit Absicht getan hatte (что она это сделала не умышленно;
11 „Ich habe deine Hände oft beobachtet (я часто наблюдала за твоими руками), wie sie das Werkzeug hielten (как они дежали инструмент), wie sie das Gerät anfassten (как они брались за прибор) — wie du Apparate (как ты аппараты;
12 „Ich liebe ihn nicht (я не люблю её /свою профессию/)", sagte ich, „ich hasse ihn (я её ненавижу) wie der Boxer das Boxen hasst (как боксёр ненавидит бокс)."
13 „Geh jetzt", sagte sie, „geh", und ich ging, ohne noch etwas zu sagen (не сказав больше ничего: «ещё что-нибудь»), ohne mich umzusehen (не оглядываясь) bis zur Theke (до /самой/ стойки), kehrte dann um (потом повернул назад = вернулся;
1 Sie hatte den Kaffee nicht angerührt, spielte mit dem Löffel, und ich erschrak über ihre Stimme, als sie sagte: „Ich würde dir gerne einen Blankoscheck geben, damit du dir die Flüche von unserem Konto abheben kannst. Es ist schön zu wissen, dass du alle die Jahre über diese Dinge gedacht, die Flüche gezählt hast, ohne es mir zu sagen."
2 „Ich habe es nicht all die Jahre über gedacht", sagte ich, „es ist anders: heute, vielleicht hier erst, fielen sie mir ein: du schüttest rotentFarbstoff in eine Quelle, um herauszufinden, wie weit ihr Aderwerk reicht, aber es kann Jahre dauern, ehe du irgendwo, wo du es nicht vermutet hast, das rotgefärbte Wasser findest. Heute bluten die Bäche, erst heute weiß ich, wo meine rote Farbe geblieben ist."
3 „Du könntest Recht haben", sagte sie, „auch ich weiß erst heute, erst jetzt, dass mir das Geld gleichgültig ist: es würde mir nichts ausmachen, dir einen zweiten Blankoscheck zu geben und einen Kontoauszug dazu, und du könntest dir abheben, so viel du wolltest, es würde mir nicht weh tun — und ich habe immer geglaubt, es würde mir weh tun. Vielleicht hast du Recht — aber es ist alles zu spät."
4 „Ja", sagte ich, „es ist zu spät — man sieht, wie das Pferd durchs Ziel läuft, auf das man tausend Mark hatte setzen wollen — man hat den ausgefüllten Wettscheinschon in der Hand, den weißen Zettel, der ein Vermögen wert wäre, wenn man gesetzt hätte, aber man hat nicht gesetzt — und der Zettel ist wertlos; es hat keinen Sinn, ihn als Andenken aufzubewahren."
5 „Man hat nur noch die tausend Mark", sagte sie — „aber du würdest wahrscheinlich die tausend Mark mit dem Zettel in die Gosse werfen."
6 „Ja", sagte ich, „ich glaube, das würde ich tun." Ich goss die Milch in den kalten Tee, preßte die Zitrone hinein und sah zu, wie die Milch dick wurde und in gelblichgrauen Flocken nach unten sank. Ich hielt Ulla die Zigaretten hin, aber sie schüttelte den Kopf, und auch ich hatte keine Lust zu rauchen, und ich steckte die Zigaretten weg. Ich lüpfte die Speisekarte von meiner Uhr ein wenig, sah, dass es zehn Minuten vor sieben war, und ich deckte die Speisekarte schnell wieder über die Uhr, aber sie hatte es gesehen und sagte: „Geh nur — ich bleibe noch."
7 „Kann ich dich nicht nach Hause bringen?" sagte ich.
8 „Nein", sagte sie, „ich bleib' noch hier. Geh nur."
9 Aber ich blieb sitzen und sie sagte: „Gib mir deine Hand", und ich gab sie ihr. Sie hielt sie einen Augenblick fest, ohne sie anzusehen, ließ sie plötzlich wieder fallen, noch bevor ich daran dachte, dass sie loslassen würde, und meine Hand schlug gegen die Tischkante ...
10 „Verzeih", sagte sie, „das wollte ich nicht — nein." Ich spürte einen heftigen Schmerz in der Hand, aber ich glaubte ihr, dass sie es nicht mit Absicht getan hatte.
11 „Ich habe deine Hände oft beobachtet, wie sie das Werkzeug hielten, wie sie das Gerät anfassten — wie du Apparate, die du gar nicht kanntest, auseinanderlegtest, ihre Arbeitsweise studiertest und sie wieder zusammensetztest. Man konnte sehen, dass du für diesen Beruf wiegeschaffen bist und dass du ihn liebst — und dass es besser war, dich dein Brot damit verdienen zu lassen, als es dir zu schenken."
12 „Ich liebe ihn nicht", sagte ich, „ich hasse ihn wie der Boxer das Boxen hasst."
13 „Geh jetzt", sagte sie, „geh", und ich ging, ohne noch etwas zu sagen, ohne mich umzusehen bis zur Theke, kehrte dann um und bezahlte dem Mädchen, zwischen den Tischen stehend, den Kaffee und den Tee.
IV
1 Es war dunkel und immer noch Montag, als ich in die Judengasse zurückfuhr (ехал обратно); ich fuhr schnell. Aber es war schon sieben (но было уже семь), und ich dachte nicht daran (а я не подумал о том), dass die Nudelbreite ab sieben Uhr für Autos gesperrt ist (что Нудельбрайте с семи часов закрыта для автомобилей;
2 Mir fiel ein (мне пришло на ум;
3 Ich fuhr wieder an dem Schreibwarenladen, dem Sarggeschäft in der Korbmachergasse vorbei (я снова проехал мимо...;
4 Sie bewegte sich nicht (она не двигалась), sagte nichts, sah mich nicht an (не смотрела на меня), und ich nahm (и я взял), ohne etwas zu sagen (ничего не говоря), ihre Hand (её руку) und riss sie zum Auto hin (и потащил её к машине;
5 Leute hatten sich gesammelt (собрались люди;
6 Ich fuhr unter eine Laterne und hielt (я остановился под фонарём: «заехал под фонарь и остановился»). Es war eine dunkle Straße, und der Lichtkreis der Laterne fiel in einen Park (и круг света /от/ фонаря падал в парк), schnitt ein rundes Stück Rasen aus der Dunkelheit heraus (вырезал из темноты круглый кусок газона); es war ringsum still (вокруг было тихо).
7 „Ein Mann sprach mich an (/один/ мужчина заговорил со мной)", sagte Hedwig, und ich erschrak, weil sie immer noch wie eine Statue geradeaus blickte (так как она всё ещё смотрела прямо, как статуя), „ein Mann. Er wollte mich mitnehmen oder mit mir gehen, und er sah so nett aus (и он выглядел таким симпатичным): er hatte die Aktentasche unter dem Arm (у него под мышкой был портфель;
8 „Hedwig", sagte ich, aber sie blickte nicht zu mir hin (но она не посмотрела на меня), erst als ich ihren Arm packte (только когда я схватил её руку), wandte sie den Kopf (она повернула голову;
9 „Ich fahre dich nach Hause", sagte ich, „ach Gott."
10 „Nein, bleib noch einen Augenblick stehen (нет, постой ещё минутку)", sagte sie. Und sie sah mich an, sah mich genau an (посмотрела на меня пристально;
1 Es war dunkel und immer noch Montag, als ich in die Judengasse zurückfuhr; ich fuhr schnell. Aber es war schon sieben, und ich dachte nicht daran, dass die Nudelbreite ab sieben Uhr für Autos gesperrt ist, und ich fuhr ratlos um sie herum, durch dunkle, unbebaute Straßen, und kam an der Kirche wieder heraus, wo ich Hedwig zuletzt gesehen hatte.
2 Mir fiel ein, dass beide, Hedwig und Ulla, „geh" zu mir gesagt hatten, „geh".
3 Ich fuhr wieder an dem Schreibwarenladen, dem Sarggeschäft in der Korbmachergasse vorbei, und ich erschrak, als ich sah, dass in dem Café kein Licht mehr brannte. Ich wollte vorbeifahren, in die Judengasse hinein, sah im letzten Augenblick Hedwigs grünen Pullover im Eingang des Cafés, und ich bremste so heftig, dass das Auto schleuderte und über den Lehmstreifen rutschte, wo die Straße aufgerissen und wieder zugeworfen worden war; und meine linke Hand schlug gegen den Türgriff. Beide Hände taten mir weh, als ich ausstieg und im Dunkeln auf Hedwig zuging; sie stand da, wie die Mädchen dagestanden hatten, die mich manchmal angesprochen hatten, wenn ichabends durch eine dunkle Straße ging: ohne Mantel, mit dem grellgrünen Pullover, unter dem dunklen Haar das weiße Gesicht, und noch weißer — schmerzlich weiß — der kleine, blattförmige Ausschnitt ihres Halses, und ihr Mund sah aus, als sei er mit schwarzer Tusche aufgemalt.
4 Sie bewegte sich nicht, sagte nichts, sah mich nicht an, und ich nahm, ohne etwas zu sagen, ihre Hand und riss sie zum Auto hin.
5 Leute hatten sich gesammelt, denn mein Bremsgeräusch war wie ein Trompetenstoß in die stille Straße gefahren, und ich öffnete schnell die Tür, stieß Hedwig fast hinein, ging schnell auf die andere Seite und fuhr hastig davon. Erst eine Minute später, als wir längst hinter dem Bahnhof waren, hatte ich Zeit, sie anzusehen. Sie war totenblass und hielt den Oberkörper gerade wie eine Statue.
6 Ich fuhr unter eine Laterne und hielt. Es war eine dunkle Straße, und der Lichtkreis der Laterne fiel in einen Park, schnitt ein rundes Stück Rasen aus der Dunkelheit heraus; es war ringsum still.
7 „Ein Mann sprach mich an", sagte Hedwig, und ich erschrak, weil sie immer noch wie eine Statue geradeaus blickte, „ein Mann. Er wollte mich mitnehmen oder mit mir gehen, und er sah so nett aus: er hatte die Aktentasche unter dem Arm, und seine Zähne waren ein wenig gelb von Zigarettenrauch; er war alt, sicher fünfunddreißig, aber er war nett."
8 „Hedwig", sagte ich, aber sie blickte nicht zu mir hin, erst als ich ihren Arm packte, wandte sie den Kopf, und sie sagte leise: „Fahr mich nach Hause" — und mich ergriff die Selbstverständlichkeit, mit der sie in den Satz das Du eingeschlossen hatte.
9 „Ich fahre dich nach Hause", sagte ich, „ach Gott."
10 „Nein, bleib noch einen Augenblick stehen", sagte sie. Und sie sah mich an, sah mich genau an, so genau, wie ich sie angesehen hatte, aber ich fürchtete mich jetzt, sie anzusehen. Schweiß brach mir aus, und ich spürte die Schmerzen in meinen beiden Händen — und dieser Tag, dieser Montag, erschien mir unerträglich lang, zu lang für einen einzigen Tag, und ich wusste, dass ich nicht aus ihrem Zimmer hätte hinausgehen sollen: ich hatte das Land entdeckt und immer noch nicht mein Zeichen eingesetzt. Das Land war schön, aber es war auch fremd, ebenso fremd wie es schön war.
1 „O Gott", sagte sie leise, „ich bin so froh (я так рада), dass du netter bist als er (что ты симпатичнее, чем он;
2 „Fast wäre ich mit ihm gegangen (я чуть было не пошла с ним)", sagte sie, „ich weiß nicht (я не знаю), wie lange er noch hätte durchhalten müssen (как долго он ещё должен был бы продержаться), aber er hielt nicht durch (но он не выдержал;
1 „O Gott", sagte sie leise, „ich bin so froh, dass du netter bist als er. Viel netter, der Bäcker war gar nicht so nett, wie er aussah. Punkt sieben schmiss er mich raus. Du hättest nicht zu spät kommen dürfen. Fahr jetzt", sagte sie. Ich fuhr langsam, und die dunklen Straßen, durch die ich fuhr, kamen mir vor wie Moorpfade, auf denen das Auto jeden Augenblick versinken konnte; vorsichtig fuhr ich, als hätte ich Sprengstoff geladen, und ich hörte ihre Stimme, spürte ihre Hand auf meinem Arm und fühlte mich fast, wie sich jemand fühlen muss, der die große Prüfung am Jüngsten Tag bestanden hat.
2 „Fast wäre ich mit ihm gegangen", sagte sie, „ich weiß nicht, wie lange er noch hätte durchhalten müssen, aber er hielt nicht durch. Heiraten wollte er mich, er wollte sich scheiden lassen — und er hatte Kinder, und er war nett; aber er lief weg, als der Scheinwerfer deines Autos in die Straße fiel. Eine Minute nur stand er bei mir, hastig flüsternd, wie Leute, die wenig Zeit haben — und er hatte wenig Zeit: eine Minute, und ich lebte ein ganzes Leben an seiner Seite in dieser Minute: ich fiel in seine Arme, wieder aus seinen Armen heraus: ich bekam seine Kinder, ich stopfte seine Strümpfe, ich nahm ihm abends, wenn er nach Hause kam, die Aktentasche ab, küsste ihn, wenn die Haustür sich hinter ihm geschlossen hatte; ich freute mich mit ihm über sein neues Gebiss — und als er Gehaltserhöhung bekam, feierten wir ein kleines Fest: Kuchen gab es, und wir gingen ins Kino, und er kaufte mir einen neuen Hut, so rot wie Kirschmarmelade; er tat das mit mir, was du mit mir hattest tun wollen, und ich mochte seine ungeschickten Zärtlichkeiten — ich sah ihn seine Anzüge wechseln, den Sonntagsanzug zum Alltagsanzug machen, als er den neuen Sonntagsanzug bekam — und auch dieser wurde tiefer gesetzt — einen neuen Anzug bekam er, und die Kinder wurden groß, trugen Hüte so rot wie Kirschmarmelade, und ich verbot ihnen, was mir immer verboten worden ist: im Regen spazierenzugehen. Ich verbot es ihnen aus demselben Grund, aus dem es mir verboten wurde: weil die Kleider so schnell verderben im Regen ... Seine Witwe war ich, und ich bekam die Kondolenz von der Firma. Er war Kalkulator in einer Schokoladenfabrik — und abends verriet er mir, wieviel seine Firma an der Praline Jussupoff verdiente; sie verdiente viel — und er gebot mir, darüber zu schweigen, aber ich schwieg nicht; im Milchgeschäft am nächsten Morgen schon verriet ich, wievel seine Firma an der Praline Jussupoff verdient. Er hätte nur noch eine oder zwei Minuten durchhalten müssen, aber er hielt nicht durch: er lief, lief schnell wie ein Hase, als dein Auto in die Straße einbog. ,Ich bin nicht ungebildet, Fräulein', sagte er zu mir."
1 Ich fuhr noch langsamer (я поехал ещё медленнее;
2 Ich sah sie an, so ängstlich (так боязливо), wie der Mann sie angesehen haben muss (как, должно быть, смотрел на неё /тот/ человек).
3 „Wir können nicht auf mein Zimmer gehen", sagte sie, „dort wartet Hilde Kamenz auf mich (там меня ждёт Хильде Каменц). Ich habe Licht in meinem Zimmer gesehen (я видела свет в моей комнате) und ihr Auto vor meiner Tür (и её автомобиль перед моей дверью)."
4 Ich fuhr langsam an der Haustür vorbei (мимо входной двери), dieser braunen Haustür, deren Bild ich wiedersehen würde (изображение которой я снова увижу), wenn es aus der Dunkelkammer kam (когда оно /изображение/ появится из тёмной камеры): Bogenweise Haustüren (входные двери на листах;
5 Ein weinrotes Auto (автомобиль цвета красного вина /бордо/) stand vor dieser Haustür.
6 Ich sah Hedwig fragend an.
7 „Hilde Kamenz", sagte sie, „ist die Bekannte meines Vaters. Fahr um die Ecke (поезжай за угол); ich habe vom Fenster meines Zimmers aus gesehen (из окна моей комнаты я видела), dass in der Nebenstraße eine Häuserlücke ist (что на соседней улице есть промежуток между домами): ich sah das dunkle Pflaster dort (я видела там тёмную мостовую), mit dem braunen Lehmstreifen in der Mitte (с коричневой глиняной полосой посередине), und sah dich tot darauf liegen (и видела, как ты мёртвый лежишь на ней), denn ich hatte Angst (потому, что я боялась), du würdest nie wiederkommen (что ты никогда не вернёшься)."
8 Ich drehte (я повернул) und fuhr in die Korbmachergasse hinein (и въехал на Корбмахергассе), immer noch langsam (всё ещё медленно), und mir schien (и мне казалось), als könne ich nie mehr schnell fahren (будто я никогда больше не смогу ездить быстро). Wenige Häuser hinter der Bäckerei war die Häuserlücke (через несколько домов за булочной было незастроенное пространство), und wir blickten auf die Hinterfront des Hauses (и мы смотрели на задний фасад дома), in dem Hedwig wohnte (где жила Хедвиг): die großen Bäume verdeckten einen Teil (часть /дома/ закрывали большие деревья), aber eine ganze, senkrechte Fensterzeile (но /один/ целый вертикальный ряд окон) konnten wir sehen (мы могли видеть): im Erdgeschoss (на первом этаже) war das Fenster dunkel (окно было тёмным), im ersten Stock erleuchtet (на втором — освещённым), und auch im zweiten Stock war es hell (и на третьем тоже было светлым). „Mein Zimmer", sagte sie, „wenn sie das Fenster öffnete (если она откроет окно), könnten wir ihre Silhouette sehen (мы сможем увидеть её силует): du wärst wie blind in diese Falle hineingelaufen (ты, как слепой, вбежал = попался бы в эту ловушку;