1 Ulla zog mich weg (потянула меня прочь), und wir gingen an den besetzten Tischen vorbei über die rostroten Läufer nach hinten (и мы прошли мимо занятых столиков по ржаво-красным дорожкам назад;
2 „Hier?" sagte ich.
3 „Es ist nichts anderes frei (нет ничего другого свободного = других свободных мест нет)", sagte Ulla.
4 „Ich meine", sagte ich, „es wäre doch besser (было бы всё же лучше), in ein anderes Café zu gehen (пойти в другое кафе)."
5 Sie warf dem Mann einen hasserfüllten Blick zu (она бросила на мужчину полный ненависти взгляд;
6 Ulla schob das schmutzige Geschirr zusammen (сдвинула вместе грязную посуду;
1 Ulla zog mich weg, und wir gingen an den besetzten Tischen vorbei über die rostroten Läufer nach hinten, wo sie zwei freie Stühle gesehen haben musste. Es war kein Tisch frei, nur diese beiden Stühle an einem Tisch für dreiPersonen. Es saß ein Mann da, der eine Zigarre im Mund hielt und in einer Zeitung las; wenn er ausatmete, kam feiner Rauch hellgrau vorne durch die Asche heraus, und es fielen winzige Ascheteilchen auf seinen dunklen Anzug.
2 „Hier?" sagte ich.
3 „Es ist nichts anderes frei", sagte Ulla.
4 „Ich meine", sagte ich, „es wäre doch besser, in ein anderes Café zu gehen."
5 Sie warf dem Mann einen hasserfüllten Blick zu, blickte sich um, und ich sah, wie triumphierend ihre Augen leuchteten, als in der Ecke ein Mann aufstand, der seiner Frau in den hellblauen Mantel half. Für sie — das spürte ich wieder, als ich hinter ihr herging — war es unsagbar wichtig, dass unsere Unterredung hier stattfand. Sie warf ihre Handtasche auf den Stuhl, auf dem noch ein Schuhkarton von der Frau mit dem hellblauen Mantel lag — und die Frau in dem hellblauen Mantel nahm kopfschüttelnd ihren Karton und ging hinter ihrem Mann her, der zwischen den Tischen stand und dem Serviermädchen die Zeche bezahlte.
6 Ulla schob das schmutzige Geschirr zusammen, setzte sich auf den Stuhl in der Ecke. Ich setzte mich auf den Stuhl daneben, nahm meine Zigaretten aus der Tasche und hielt sie ihr hin; sie nahm, ich gab ihr Feuer, zündete auch mir eine Zigarette an und blickte auf die schmutzigen Teller, auf denen noch Butterkremreste klebten, Kirschkerne lagen, auf den grauen, milchigen Rest in einer der Kaffeetassen.
1 „Ich hätte es wissen müssen (я должна была бы это знать)", sagte Ulla, „als ich dich in der Fabrik beobachtete (когда я наблюдала за тобой на фабрике), durch die gläserne Wand hindurch (сквозь стеклянную стену;
2 „Was du nicht weißt (что ты не знаешь), ist, dass ich sie sogar küsste (/так это то,/ что я её даже целовал) und mit ihr ins Kino ging (и ходил с ней в кино) und im Dunkeln ihre Hände hielt (и в темноте держал её руки;
3 Ulla sah mich schweigend an (Улла молча посмотрела на меня;
4 „Ihr (вы)", sagte ich, „habt es nicht einmal für nötig gehalten (не посчитали даже нужным;
5 Das Serviermädchen kam, räumte die Teller und Tassen auf ein Tablett (убрала тарелки и чашки на поднос) und sagte: „Kaffee, nicht wahr (кофе, не правда ли)?"
6 „Nein", sagte ich, „bitte für mich nicht (мне не нужно)."
7 „Aber für mich (но мне /нужно/)", sagte Ulla.
8 „Und für Sie (а для Вас)?" sagte das Mädchen zu mir.
9 „Irgend etwas (что-нибудь)", sagte ich müde (устало).
10 „Bringen Sie Herrn Fendrich einen Pfefferminztee (мятного чаю)", sagte Ulla.
11 „Ja", sagte ich, „bringen Sie mir einen."
12 „Mein Gott", sagte das Mädchen, „wir haben doch keinen Pfefferminztee (у нас же нет мятного чая), aber schwarzen ."
13 „Ja, schwarzen bitte", sagte ich, und das Mädchen ging.
14 Ich blickte Ulla an und war erstaunt (и удивился;
15 Ich nahm meine Uhr vom Arm (я снял часы с руки), legte sie neben mich auf den Tisch (положил их около себя на стол); es war zehn nach sechs (было десять минут седьмого), und keine Minute später (и ни минутой позже) als Viertel vor sieben (чем без четверти семь;
16 „Ich hätte die zwanzig Mark gerne bezahlt (я охотно заплатил бы двадцать марок), um zwei Minuten länger mit dir zu reden (чтобы поговорить с тобой на две минуты дольше;
17 „Ja", sagte sie, „du bist ein feiner Herr geworden (ты стал утончённым господином), verschenkst Blumen (раздариваешь цветы), das Stück zu zehn Mark (по десять марок за штуку)."
18 „Ja", sagte ich, „es schien mir der Mühe wert (это, казалось мне, того стоит: «стоящим усилия»), da wir uns nie etwas geschenkt haben (так как мы никогда ничего нам = друг другу не дарили). Nie, nicht wahr (никогда, не правда ли)?"
19 „Nein", sagte sie, „wir haben uns nie etwas geschenkt. Mir ist eingeprägt worden (мне внушали), dass man sich Geschenke verdienen muss (что подарки себе нужно заслужить;
20 „Nein", sagte ich, „und das einzige (и /этот/ единственный /подарок/), das ich dir geben wollte (который я тебе хотел дать), obwohl du es nicht verdient hast (хотя ты его не заслуживаешь), dieses einzige nahmst du nicht an (этот единственный /подарок/ ты не приняла;
21 „Es gibt Quittungen für Küsse (на поцелуи существуют квитанции)", sagte sie, „und du wirst sie eines Tages zu sehen bekommen (и ты их однажды получишь видеть = тебе их предъявят)."
22 Das Mädchen brachte Ulla den Kaffee (принесла Улле кофе) und mir den Tee (а мне чай), und es schien mir eine Unendlichkeit zu dauern (и мне казалось, что это длилось целую вечность;
1 „Ich hätte es wissen müssen", sagte Ulla, „als ich dich in der Fabrik beobachtete, durch die gläserne Wand hindurch, die die Buchhalterei von der Fabrik trennt. Wie du mit den kleinen Arbeiterinnen umgingst, um ein Stück von ihrem Frühstücksbrot zu bekommen: eine war einhäßliches, kleines Ding, eine von den Ankerwicklerinnen, sie war ein wenig rachitisch, hatte ein ungesundes, pickeliges Gesicht — sie gab dir die Hälfte ihres Marmeladenbrotes, und ich beobachtete dich, wie du es in den Mund stecktest."
2 „Was du nicht weißt, ist, dass ich sie sogar küsste und mit ihr ins Kino ging und im Dunkeln ihre Hände hielt; und dass sie starb in den Tagen, als ich die Gesellenprüfung machte. Und dass ich einen ganzen Wochenlohn für Blumen ausgab, die ich auf ihr Grab brachte. Ich hoffe, dass sie mir das halbe Marmeladenbrot verziehen hat."
3 Ulla sah mich schweigend an, schob dann das schmutzige Geschirr noch weiter weg, und ich schob es wieder zurück, weil ein Teller fast auf den Boden gefallen wäre.
4 „Ihr", sagte ich, „habt es nicht einmal für nötig gehalten, einen Kranz zu ihrer Beerdigung zu schicken; nicht einmal eine Kondolenzkarte an ihre Eltern, ich nehme an, dass du nur mit roter Tinte einen sauberen und geraden Strich durch ihren Namen in der Lohnliste zogst."
5 Das Serviermädchen kam, räumte die Teller und Tassen auf ein Tablett und sagte: „Kaffee, nicht wahr?"
6 „Nein", sagte ich, „bitte für mich nicht."
7 „Aber für mich", sagte Ulla.
8 „Und für Sie?" sagte das Mädchen zu mir.
9 „Irgend etwas", sagte ich müde.
10 „Bringen Sie Herrn Fendrich einen Pfefferminztee", sagte Ulla.
11 „Ja", sagte ich, „bringen Sie mir einen."
12 „Mein Gott", sagte das Mädchen, „wir haben doch keinen Pfefferminztee, aber schwarzen."
13 „Ja, schwarzen bitte", sagte ich, und das Mädchen ging.
14 Ich blickte Ulla an und war erstaunt, wie ich schon so oft erstaunt gewesen war, wenn dieser volle und hübsche Mund so schmal und dünn wurde wie die Striche, die sie mit dem Lineal zog.
15 Ich nahm meine Uhr vom Arm, legte sie neben mich auf den Tisch; es war zehn nach sechs, und keine Minute später als Viertel vor sieben würde ich gehen.
16 „Ich hätte die zwanzig Mark gerne bezahlt, um zwei Minuten länger mit dir zu reden, ich hätte dir die zwei Minuten gerne zum Abschied geschenkt, wie zwei besonders kostbare Blumen — aber du hast dich selbst darum bestohlen. Mir waren diese zwei Minuten zwanzig Mark wert."
17 „Ja", sagte sie, „du bist ein feiner Herr geworden, verschenkst Blumen, das Stück zu zehn Mark."
18 „Ja", sagte ich, „es schien mir der Mühe wert, da wir uns nie etwas geschenkt haben. Nie, nicht wahr?"
19 „Nein", sagte sie, „wir haben uns nie etwas geschenkt. Mir ist eingeprägt worden, dass man sich Geschenke verdienen muss — und mir schien nie, dass du eins verdient hättest, und auch ich scheine nie eins verdient zu haben."
20 „Nein", sagte ich, „und das einzige, das ich dir geben wollte, obwohl du es nicht verdient hast, dieses einzige nahmst du nicht an. Und wenn wir ausgingen", sagte ich leise, „vergaßen wir nie, uns einen Beleg für die Steuer geben zu lassen, abwechselnd einmal für euch und das andere Mal für mich. Und wenn es Quittungen für Küsse gäbe, du hättest sie in einem Ordner."
21 „Es gibt Quittungen für Küsse", sagte sie, „und du wirst sie eines Tages zu sehen bekommen."
22 Das Mädchen brachte Ulla den Kaffee und mir den Tee, und es schien mir eine Unendlichkeit zu dauern, ehe dieganze Zeremonie vorüber war: dieses Hinstellen der Teller, der Tassen, der Milchkannen und Zuckerschalen, des Halters für das Tee-Ei, und es kam noch ein kleines Tellerchen, auf dem die kleine Silberkralle lag, die eine winzige Zitronenscheibe zwischen ihren Zahnen hielt.
1 Ulla schwieg (молчала;
2 „Verflucht (проклятье!;
3 Ich deckte die Uhr mit der Speisekarte zu (я накрыл часы /карточкой/ меню;
4 „Ganz (совсем = до конца)", sagte Ulla, „verstehe ich es nicht (я этого не понимаю), weil ich nicht verstehe (так как я не понимаю), dass es Dinge gibt (что есть вещи;
5 „Nein", sagte ich, „sie hat kein Geld — aber sie weiß (но она знает), dass ich gestohlen habe (что я воровал;
6 „Ja", sagte sie, „es war gut (хорошо), dass er es tat (что он это сделал;
7 „Und Brot", sagte ich, „das Brot, das du, das dein Vater mir nicht gegeben hat (мне не давали) — nur Wolf gab mir manchmal welches (только Вольф иногда давал мне его /хлеб/). Er wusste gar nicht (он совсем не знал), was Hunger war (что такое голод), aber er gab mir immer sein Brot (но он всегда отдавал мне свой хлеб), wenn wir zusammen arbeiteten (когда мы вместе работали). Ich glaube", sagte ich leise, „wenn du mir damals auch nur einmal ein Brot gegeben hättest (если бы ты мне тогда тоже хотя бы раз дала хлеб), würde es unmöglich für mich sein (для меня было бы невозможно), hier zu sitzen (здесь сидеть) und so mit dir zu sprechen (и так с тобой разговаривать)."
8 „Wir bezahlten immer über Tarif (мы всегда платили сверх тарифа;
9 „Ja", sagte ich, „ihr bezahltet immer über Tarif, und jeder, der bei euch arbeitete, bekam sein Deputat und mittags eine markenfreie Suppe."
10 „Du Schuft", sagte sie, „du undankbarer Schuft (ты — неблагодарный негодяй)."
11 Ich nahm die Speisekarte von meiner Uhr weg (я убрал меню с моих часов), aber es war noch nicht halb sieben (но ещё не было половины седьмого), und ich deckte die Speisekarte wieder über die Uhr.
1 Ulla schwieg, und ich hatte Angst, dasssie schreien würde; ich hatte es einmal gehört, wie sie schrie, als ihr Vater ihr die Prokura verweigerte. Die Zeit ging nicht weiter: es war dreizehn Minuten nach sechs.
2 „Verflucht", sagte Ulla leise, „tu wenigstens die Uhr weg."
3 Ich deckte die Uhr mit der Speisekarte zu. Es schien mir, als hätte ich das alles schon unzählige Male sehen, hören und riechen müssen, wie die Schallplatte, die die Leute, die über mir wohnten, jeden Abend zu einer bestimmten Zeit laufen ließen — wie einen Film, den man in der Hölle gezeigt bekommt: immer nur den einen, und diesen Geruch in der Luft, von Kaffee, von Schweiß, Parfüm, Likör und Zigaretten: das, was ich sagte — das, was Ulla sagte, das war alles schon unzählige Male gesagt worden, und es stimmte nicht, die Worte schmeckten falsch auf der Zunge: es schien mir wie das, was ich Vater vom Schwarzmarkt und von meinem Hunger erzählt hatte: indem man es aussprach, stimmte es schon nicht mehr — und plötzlich entsann ich mich der Szene, wie Helene Frenkel mir das Marmeladenbrot gegeben hatte, so deutlich, dass ich den Geschmack der roten, ordinären Marmelade zu schmecken glaubte, und ich sehnte mich nach Hedwig und nach dem dunkelgrünen Schatten der Brücke, in dem Jürgen Brolaski verschwunden war.
4 „Ganz", sagte Ulla, „verstehe ich es nicht, weil ichnicht verstehe, dasses Dinge gibt, die du nicht des Geldes wegen tust — oder hat sie Geld?"
5 „Nein", sagte ich, „sie hat kein Geld — aber sie weiß, dass ich gestohlen habe; jemand von euch muss es jemand erzählt haben, der es ihrem Bruder erzählte. Auch Wolf hatte mich eben noch einmal daran erinnert."
6 „Ja", sagte sie, „es war gut, dass er es tat: du bist so fein geworden, dass du wahrscheinlich zu vergessen anfingst, dass du Kochplatten klautest, um dir Zigaretten zu kaufen."
7 „Und Brot", sagte ich, „das Brot, das du, das dein Vater mir nicht gegeben hat — nur Wolf gab mir manchmal welches. Er wusste gar nicht, was Hunger war, aber er gab mir immer sein Brot, wenn wir zusammen arbeiteten. Ich glaube", sagte ich leise, „wenn du mir damals auch nur einmal ein Brot gegeben hättest, würde es unmöglich für mich sein, hier zu sitzen und so mit dir zu sprechen."
8 „Wir bezahlten immer über Tarif, und jeder, der bei uns arbeitete, bekam sein Deputat und mittags eine markenfreie Suppe."
9 „Ja", sagte ich, „ihr bezahltet immer über Tarif, und jeder, der bei euch arbeitete, bekam sein Deputat und mittags eine markenfreie Suppe."
10 „Du Schuft", sagte sie, „du undankbarer Schuft."
11 Ich nahm die Speisekarte von meiner Uhr weg, aber es war noch nicht halb sieben, und ich deckte die Speisekarte wieder über die Uhr.
1 „Studiere die Lohnlisten noch einmal durch (изучи основательно ещё раз платёжные ведомости;
2 Sie rührte in ihrem Kaffee (она помешала свой кофе), blickte mich wieder an (снова взглянула на меня), hielt mir ihre Zigaretten hin (протянула мне свои сигареты;