a) durch Bedeutungsextension, d. h. ein Lexem wird auf weitere Denotate angewandt – sein Bedeutungsumfang erweitert sich;
b) durch Bedeutungsdifferenzierung, d.h. die Bedeutungen gliedern sich weiter auf. Reguläre Mehrdeutigkeit ergibt sich bei metaphorischen und metonymischen Verschiebungen der Bedeutung.
Die häufigste Ursache der Polysemie ist die Verwendung eines Lexems für Objekte, die bisher nicht durch dessen Bedeutungsextension erfasst wurden. Ein Lexem tritt in neue Kontexte, in neue Umgebungen. So entstehen neue Sememe durch metonymische Verschiebungen und metaphorische Übertragungen. Das Wort ist damit polysem geworden. Die Polysemie entsteht auch dann, wenn ein bereits veraltetes Wort wieder in den lebendigen Sprachgebrauch übernommen wird und sich eine neue Bedeutung herausbildet.
Die Polysemie muss man von der Homonymie unterscheiden. Homonyme sind Wörter mit gleichem Lautköper und verschiedenen Bedeutungen, zwischen denen kein Zusammenhang besteht. Es gibt zwei Hauptwege der Bildung von Homonymen:
1) der Zerfall der Polysemie d. h. der Abbruch der Verbindung zwischen lexikalisch-semantischen Varianten eines Wortes führte zur Entstehung einer großen Anzahl von Homonymen;
2) die zufällige Übereinstimmung des Lautkomplexes verschiedener Wörter oder ihrer Formen, Homonyme können infolge phonetischer Prozesse entstehen, wenn die Wörter verschiedenen Ursprungs infolge des Lautwandels zufällig gleichlauten.
Zum Auseinanderhalten der Homonyme dienen folgende Mittename = "note"
a) die Gabelung der Pluralbildung;
b) die Gabelung des grammatischen Geschlechts;
c) die Gabelung des grammatischen Geschlechts und der Pluralbildung;
d) die Wortbildung ist auch ein Mittel zur Differenzierung der Homonyme.
Die Homonymie führt oft zum Wortschwund. Eines der homonymen Wörter wird durch Synonyme ersetzt. Man unterscheidet folgende Arten von Homonymen:
1) homophone – sind Wörter, die gleiche lautliche Formen haben, aber verschiedene Bedeutengen;
2) homographen – sind Wörter, die gleich geschrieben werden, aber verschiedene Bedeutengen haben;
3) homoformen – sind Wörter, bei denen die Wortformen zufällig ubereinstimmen.
Vorlesung 4. Die Bedeutungsbeziehungen im lexikalisch-semantischen System
Das lexikalisch-semantische System ist ein offenes System, d.h. ein Ganzes, das aus Elementen besteht, die miteinander aufgrund ihrer Bedeutungen durch Beziehungen verschiedener Art verbunden sind. In der modernen Sprachwissenschaft spricht man vom systemhaften Charakter der Lexik. Man klassifiziert die systemhaften Beziehungen in paradigmatische und syntagmatische.
Paradigmatische Beziehungen definiert man als Beziehungen der Einheiten, die durch die Relation der Opposition verbunden sind. Paradigmatische Beziehungen stellen die Beziehungen zwischen solchen Einheiten dar, die in einem und demselben Kontext auftreten können und sich in diesem Kontext gegenseitig bestimmen oder ausschließen. Paradigmatische Bedeutungsbeziehungen sind solche Beziehungen zwischen Lexemen im System, die die gleiche Stelle in der Redekette einnehmen können und gleichzeitig einander ausschließen. Sie regeln die Auswahl der Lexeme in der Kommunikation. Ausschlaggebend ist dabei die Gesamtheit der Merkmale, die eine lexikalische Einheit charakterisieren – historische, geographische, soziale, emotionalexpressive, funktional-stilistische und normativ-stilistische Merkmale. Bei vieldeutigen Lexemen gehören die einzelnen lexikalisch-semantischen Varianten verschiedenen paradigmatischen Gruppen an.
Man unterscheidet folgende Arten der paradigmatischen Bedeutungsbeziehungen:
1) Beziehung der Bedeutungsgleichheit (Identität). Durch diese Beziehung sind vollständige Synonyme verbunden;
2) Beziehung der Bedeutungsähnlichkeit (Synonymie im engeren Sinne). Durch diese Beziehung sind Teilsynonyme verbunden;
3) Beziehung der Bedeutungspolarität (Bedeutungsgegensatz, Antonymie). Diese Beziehung kommt in der Antonymie zum Ausdruck;
4) Beziehung der Überordnung / Unterordnung (Hyperonymie und Hyponymie – Synonymie im weiteren Sinne). Diese Beziehung verbindet Hyperonyme und Hyponyme. Es gibt zwei Arten dieser Beziehung:
a) Beziehung: Allgemeines – Spezielles bzw. Einzelnes;
b) Beziehung: Ganzes – Teil;
5) Beziehung der Unvergleichbarkeit. In diesem Fall gibt es keine Bedeutungsbeziehung.
Also, als paradigmatische Beziehungen treten synonymische Beziehungen auf. Traditionell definiert man Synonyme als sinngleiche oder sinnverwandte Wörter. Synonyme sind sprachliche Einheiten oder Strukturen, die sich formal unterscheiden, aber ähnliche oder gleiche Bedeutung haben und deshalb im Kern der Bedeutung übereinstimmen.
Synonymie ist die Bezeichnung für die Beziehung zwischen Synonymen. Bei der Feststellung der Synonymie verwendet man die Explikation der Bedeutung als Sembündel. Bei der Bedeutungsgleichheit sind Lexeme in ihren semantischen Strukturen völlig gleich oder identisch, d.h. es besteht eine völlige Übereinstimmung in Bedeutungselementen oder Semen. Die sprachlichen Einheiten beziehen sich auf dieselbe Erscheinung der objektiven Realität und können in der gleichen Textumgebung füreinander auftreten. Bei einer solchen Bedeutungsidentität der Lexeme entstehen sogenannte absolute Synonyme: beginnen – anfangen. Solche Synonyme sind aber für die Sprache keine typische Erscheinung.
Für Synonymie ist nicht die Bedeutungsidentität, sondern die Bedeutungsähnlichkeit relevant. Zwei Lexeme sind in ihrem Aufbau aus Semen einander ähnlich, d. h. sie gleichen sich hinsichtlich bestimmter wesentlicher Seme und unterscheiden sich nur in sekundären Semen, die semantisch konkretisierend, regional, u. a. sein können: ansehenanstarren; die Frau – das Weib.
Bedeutungsbeziehungen der semantischen Ähnlichkeit können bei einer großen Anzahl der Lexeme festgestellt werden. Dabei entstehen nicht nur die paarigen Beziehungen, sondern oft Glieder einer ganzen Reihung (synonymische Reihe/Gruppe): weinen – schluchzen – wimmern.
In der synonymischen Reihe unterscheidet man die Dominante oder das Grundsynonym. Das ist ein solches Lexem, das begrifflich und stilistisch eine Invariante der anderen Glieder der synonymischen Reihe bildet.
Je nach der Art unterschiedlicher konkretisierender Seme werden die bedeutungsähnlichen Synonyme entsprechend bezeichnet: ideographische Synonyme und stilistische Synonyme. Die Bedeutungsähnlichkeit der Lexeme Lohn – Gehalt – Gage beruht auf semantischer Differenzierung, ist also ideographisch, deshalb heißen solche Synonyme ideographische Synonyme.
Die differenzierende Seme, die wertend konnotativ sind, ergeben stilistische Synonyme. Man unterscheidet auch territoriale oder regionale Dubletten und kontextuelle Synonyme. Die letzten beziehen sich auf ein und denselben Denotat, sind aber durch den Kontext bedingt. Im sprachlichen System sind sie keine Synonyme.
Die Ursachen der Entstehung der Synonyme:
1) durch den Einfluss des fremden Wortgutes (Entlehnungen);
2) durch den Einfluss der Wortbildung;
3) durch den Beeinfluss der Mundarten;
4) durch euphemistische Umschreibungen.
Die Synonyme erfüllen folgende Funktionen:
1) sie dienen zur Variation der sprachlichen Ausdrucks, zur Ausdrucksverstärkung;
2) sie geben eine zusätzliche Information, indem sie das Gesagte konkretisieren;
3) sie drücken eine subjektive Bewertung aus, die die Einstellung des Sprechers zum Gegenstand der Rede offenbart.
Antonyme sind Wörter mit Gegenbedeutung: weiß – schwarz; Tag – Nacht. Die wichtigste Voraussetzung der Antonymie ist das Vorhandensein eines gemeinsamen semantischen Kerns, auf dessen Basis die Polarität entsteht. Tag – Nacht; Sommer – Winter; früh – spät; weiß – schwarz; hell – dunkel. Antonymie ist nur bei Spracheinheiten gleicher Wortart denkbar. Man unterscheidet:
a) Kontradiktorische Antonyme. In diesem Fall handelt es sich um einen strengen Gegensatz, um eine logische Negation des gegensätzlichen Begriffs, um logische Gegenüberstellung zwei Begriffe: Sein – Nicht sein; jeder – keiner; Möglichkeit – Unmöglichkeit, einziehen – ausziehen;
b) Koträre Antonyme. Es geht um zwei Begriffe, die innerhalb eines bestimmten Bewertungssystems als Artbegriffe existieren. Sie schließen einander unter einem gemeinsamen Gattungsbegriff aus, stellen aber beide positive Gegebenheiten dar: Maximum – Minimum; groß – klein;
c) komplementäre Antonyme. Bei diesen Antonymen setzt die Negation eines Begriffs die Behauptung des anderes Begriffs voraus: ledig – nicht ledig = verheiratet.
Man unterscheidet lexikalische Antonyme, die von verschiedenen Stämmen gebildet werden (Frühling – Herbst, Sonne – Mond) und wortbildende Antonyme, die von gleichen Stämmen gebildet werden (schön – unschön; glücklich – unglücklich).
Die Antonymie ist weniger entwickelt als die Synonymie. Die Möglichkeit der Antonymie ist stark gebunden an das Vorhandensein der qualitativen Merkmale, deshalb ist sie in erster Linie bei Adjektiven und mit ihnen in Relation stehenden Substantiven und Verben stark entwickelt.
Die Wörter in den hyperonym-hyponymische Beziehungen haben folgende Relation: allgemeines – spezielles oder Gesamtheit – Element. Oberbegriff ist ein Hyperonym. Die Bezeichnungen von einzelnen Objekten nennt man Hyponyme. Die Bedeutung des Hyperonyms schließt die Bedeutungen von Hyponymen ein. Diese Beziehungen nennt man auch Inklusionsbeziehungen. Die Bedeutungen der Hyponyme können auch Bezeichnungen je eines Teils der Bedeutung des Hyperonyms sein. Die Beziehung „Teil von Beziehung“ – Blume: die Wurzel, der Stengel, das Blatt, die Blüte. Die Beziehung „Allgemeines – Spezielles bzw. Einzelnes“ – Blume (Hyperonym – Gattungsbezeichnung) – Rose, Päonie, Nelke, (Hyponyme – Artbezeichnungen).
Mit dem Problem der Bedeutungsbeziehungen im lexikalischsemantischen System ist der Begriff semantisches Feld verbunden. Im Allgemeinen versteht man unter Wortfeld die Gesamtheit von Wörtern und Ausdrücken, die dem gleichen Sprachsystem und der gleichen Wortklasse angehören und mindestens ein gemeinsames semantisches Merkmal haben. Die Sprache und ihre Einheiten sind dem Menschen a priori eigen und formen sein Denken. Einerseits hat das Wort keine selbstständige Bedeutung, die Bedeutung ist relativ, d. h. das Wort bekommt seine Bedeutung nur im Wortfeld. Andererseits ist die Wortbedeutung als Resultat des Erkenntnisprozesses. Die Bedeutungsbeziehungen des Wortes zu anderen Wörtern innerhalb des Wortfeldes sind aber auch sehr wichtig, denn von ihnen kann die Wortbedeutung abhängen. Man betrachtet die Gliederung der Lexik in Wortfeldern als Resultat einer realen sprachlichen Entwicklung des Wortbestandes einer Sprache und unterscheidet verschiedene Arten von Wortfeldern.
1. Nominative Felder (thematische Gruppen, thematische Reihen). Diese semantischen Gruppierungen beziehen sich auf Gegenstände, Erscheinungen, Merkmale, die thematisch verwandt sind. Hierher gehören beispielsweise Verwandtschaftsbezeichnungen, Farbenbezeichnungen.
2. Lexikalisch-semantische Felder. Die Wörter, die zu diesen Feldern gehören, variieren die allgemeine Bedeutung, die diesen Feldern zugrunde liegt.
3. Semantisch-syntaktische Felder. Diesen Feldern liegen syntagmatische Bedeutungsbeziehungen des Wortes zugrunde. Mit anderen Worten geht es hier um die syntaktische und semantische Valenz des Wortes, seine Distribution als Gesamtheit aller Umgebungen. Damit umfasst das semantisch-syntaktische Feld eines Wortes alle seine syntaktischen und semantischen Mitspieler.
Als besondere Arten von Wortfeldern kann man semantische Gruppierungen betrachten, die auf einer verallgemeinerten Bedeutung der wortbildenden Elemente beruhen. Die Wörter werden dabei nach ihrem Sinngehalt und nicht nach ihrer Entstehung (Etymologie) gruppiert. Wortfelder sind strukturiert als vielschichtige Gebilde. Den Kern des Feldes bildet ein Hyperonym, ein Oberbegriff, ein neutrales Wort, das ein beliebiges Element des semantischen Feldes ersetzen kann. In der Peripherie liegen stilistisch markierte Wörter und feste Wortkomplexe. Sie enthalten in ihren semantischen Strukturen begrifflich wertende Seme oder Einstellungsseme.
Syntagmatische Bedeutungsbeziehungen sind im Gegensatz zu den paradigmatischen Beziehungen lineale, horizontale Anreihungsbeziehungen der Spracheinheiten in einem Syntagma, einer Wortverbindung oder im Satz. Die sprachlichen Zeichen treten im konkreten Redeakt nicht isoliert auf, sondern verbinden sich mit bestimmten „Partnern“. Diese Verbindungsmöglichkeiten sind nicht beliebig, nicht willkürlich, sondern unterliegen bestimmten Gesetzmäßigkeiten.
Zwischen Paradigmatik und Syntagmatik besteht ein dialektischer Zusammenhang und eine wechselseitige Beeinflussung. Die lexikalische Bedeutung eines Wortes legt wesentliche Bedingungen für die Kombinierbarkeit mit anderen Worten fest.
Die Untersuchung und Erschließung der Wortbedeutung muss paradigmatische und syntagmatische Bedeutungsbeziehungen des Wortes zu anderen Wörtern berücksichtigen, d. h. die Stellung des Wortes in betreffenden thematischen Gruppen, lexikalisch-semantischen und lexikalisch-syntagmatischen Feldern.
Unter Valenz versteht man die Fähigkeit des Wortes andere Wörter an sich zu binden. Kennzeichnend für die Valenztheorie von heute ist die Tatsache, dass frühere Betonung des grammatisch-syntaktischen Aspekts überwunden ist. Heute ist in die Valenztheorie auch die semantische Valenz eingeschlossen. Das heißt, die Wörter fordern bestimmte Kontextpartner mit bestimmten Bedeutungsmerkmalen und schließen andere Kontextpartner mit anderen Bedeutungsmerkmalen aus. Die semantische Valenz regelt die Besetzung von Leerstellen mit Klassen von Partnern, die semantisch durch bestimmte Bedeutungsmerkmale festgelegt sind. Das erfolgt auf Grund der Kompatibilität der Bedeutungsmerkmale der beiden Kontextpartner (intralinguistisch). Die Kompatibilität ist ihrerseits in der außensprachlichen Realität motiviert. Bei der semantischen Valenz handelt es sich somit um Selektionsbeschränkungen, die reguliert werden auf Grund der semantischen Kompatibilität zwischen den Kontextpartnern. Der Valenzbegriff wird erweitert von der syntaktischen auf die logisch-semantische Ebene. Semantische Valenz und lexikalische Kombinierbarkeit gelten als syntaktischstrukturelle Merkmale der lexikalischen Bedeutung. Sie beruhen auf den Gesetzen der semantischen Kongruenz von Wörtern. Die beiden Merkmale sind aber nicht gleichzusetzen. Der Unterschied beruht auf der Tatsache, dass das Wort eine Einheit des lexikalisch-semantischen Systems der Sprache mit festen semantisch-syntaktischen Beziehungen und gleichzeitig auch Einheit der Rede mit einer bestimmten Anzahl freier Beziehungen ist.
Die Valenz ist als Potenz aufzufassen und die Kombinierbarkeit als Realisierung dieser Potenz. In diesem Zusammenhang spricht man von der Selektivität der Kombinierbarkeit. Unter Selektivität versteht man die Eigenschaft eines Wortes, seine lexikalische Umgebung mehr oder weniger zu reglamentieren. So besitzen, z. B., einige Adjektivgruppen eine stärkere, die anderen eine geringere Selektivität. Zu den ersten gehören Adjektive, die ein Material bezeichnen, den Intellekt, fachsprachlich sind. Zu der zweiten Gruppe gehören Adjektive, die, z. B., ein Maß bezeichnen, eine bestimmte Intensität, eine positive Wertung ausdrücken. Sie treten in syntaktischen Verbindungen mit Substantiven unterschiedlicher semantischer Gruppen auf.
Die Valenz fixiert das syntaktisch und das semantisch notwendige Wortumfeld. Das sind nicht alle in der Umgebung eines Wortes auftretenden Elemente, sondern nur die konstitutiven, valenzabhängigen Elemente. Die Valenzbeziehungen von Wörtern werden vorwiegend mit Hilfe der Rektion realisiert.
Die Kombinierbarkeit des Wortes umfasst syntagmatische Verbindungen mit freien Erweiterungen in linearer Reihe. Im Unterschied zum Valenz trägt die Kombinierbarkeit Wahrscheinlichkeitscharakter. Das bedeutet, dass die Menge der syntagmatischen Verbindungen eines Wortes potenziell unendlich ist. Die Valenz hingegen fixiert die obligatorische semantisch-syntaktische Umgebung des Wortes. Die kombinatorischen Fähigkeiten des Wortes sind durch bestimmte Faktoren bedingt. Die Kombiniertbarkeit ist weiter als der Begriff der Valenz. Die Kombinierbarkeit umfasst nicht nur valenzabhängige, sondern auch valenzunabhängige, usuelle und okkasionelle Beziehungen. Die Valenzbeziehungen können erschöpfend beschrieben werden, aber eine erschöpfende Beschreibung der Kombinierbarkeit ist praktisch unmöglich.
Vorlesung 5. Wortschatzerweiterung durch semantische Derivation bzw. Bedeutungswandel
Unter Bedeutungswandel (semantische Derivation) versteht man die Bedeutungsveränderung von Wörtern, die sich im Laufe der Zeit bei den sprachlichen Zeichen einstellt, bedingt durch das Wesen und den Charakter der Sprache als gesellschaftlichen Phänomens, die Veränderung der Beziehung zwischen Formativ und Bedeutung. Im weiteren Sinne des Wortes versteht man darunter alle Vorgänge, die die Beziehung zwischen Formativ und Abbild verändern. Neben sprachlichen Ursachen spielen vor allem folgende Faktoren eine Rolle: Veränderungen in der objektiven Realität und in den sozialen Verhältnissen. Von großer Bedeutung können auch das Streben nach Ausdrucksverstärkung, Verhüllung, emotionale Gründe usw. sein. Der Bedeutungswandel tritt gesetzmäßig in Zusammenhang mit dem Sachwandel ein. Die Gegenstände und Erscheinungen der Wirklichkeit befinden sich in einem Zustand dauernder Veränderung.
Das Formativ blieb, obwohl sich der Gegenstand (und damit auch teilweise die Bedeutung) verändert hatte. Außer diesem Bedeutungswandel gibt es eine Veränderlichkeit der Bedeutung von einer anderen Art. Das geht aus der Analyse alter Sprachdenkmäler deutlich hervor.
Die Voraussetzung für den Bedeutungswandel ist der Zeichencharakter der Sprache. Da zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem kein direkt kausales Verhältnis besteht, ist das Wort als sprachliches Zeichen imstande, mehrere Bedeutungen zu tragen, neue Bedeutungen zu übernehmen.
Die wichtigste Ursache des Bedeutungswandels liegt in der Sprachökonomie. Alle Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Realität mit ihren wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen müssen bezeichnet werden. Wenn aber für jeden Gegenstand bzw. für jeden Begriff und deren mannigfaltige Erscheinungsformen spezielle Wörter existierten, so würde dies für das menschliche Gedächtnis eine ungeheure Belastung bedeuten. Das würde sich auf das Funktionieren der Sprache als kommunikativen Mittels negativ auswirken. Die Fähigkeit vorhandener Wörter, neue Bedeutungen zu übernehmen, kommt dieser Schwierigkeit entgegen.
Die Ursachen des Bedeutungswandels können außersprachlich (extralinguistisch) oder sprachlich (intralinguistisch) sein. Die wichtigste Ursache des Bedeutungswandels ist im Widerspruch zwischen begrenzter Wortzahl und Unendlichkeit der Erscheinungen zu suchen.
Unter den wichtigsten extra – und intralinguistischen Ursachen sind folgende zu nennen:
1) die gesellschaftliche Entwicklung lässt neue Begriffe entstehen;
2) der Sachwandel ruft in sprachlichen Zeichen den Bedeutungswandel hervor;
3) das Ziel der sprachlichen Tätigkeit: a) das Streben nach Ausdrucksverstärkung (nach dem Affekt), b) das Streben nach Ausdrucksabschwächung (Euphemismus);
4) die Wechselbeziehungen zwischen dem allgemeinen Wortschatz und dem Fach – und Sonderwortschatz: a) Spezialisierung der Bedeutung beim Wechsel eines Wortes aus der Allgemeinsprache in die Gruppensprachen, b) Generalisierung (Verallgemeinerung) der Bedeutung beim Übergang eines Wortes aus der Berufsprache in die Allgemeinsprache.
Die sprachlichen Gründe des Bedeutungswandels hängen mit der Systemhaftigkeit des Lexikons zusammen. Das Lexikon bildet eine Struktur, d. h. eine geordnete Schichtung der Lexeme in verschiedenen Klassen und Gruppen. Die Entwicklung der sprachlichen Zeichen wird ständig von der Anordnung der Lexeme in verschiedenen lexikalischsemantischen Gruppen bzw. Wortfeldern und von ihren Wechselbeziehungen bestimmt und geregelt. Lexeme, die verschiedene lexikalische Mikrostrukturen bilden, weisen in ihrer Entwicklung bestimmte Gesetzmäßigkeiten auf. Eine dieser Gesetzmäßigkeiten ist die Tendenz nach kommunikativer Deutlichkeit zu erklären. Die Prozesse der Generalisierung und Spezialisierung sind nicht isolierte Prozesse, sondern Folgeerscheinungen der Veränderungen in den synonymischen Reihen. Eine Spezialisierung der Bedeutung tritt gewöhnlich dann ein, wenn die synonymische Reihe durch neue Lexeme gleichen Sachverhalts aufgefüllt wird.
Der Bedeutungswandel umfasst folgende Erscheinungsformen:
1) die gleiche Lautgestalt nimmt im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung an;
2) das Bedeutungsgefüge bzw. die semantische Struktur des Wortes wird um eine neue Bedeutung (lexisch-semantische Variante, Semem) bereichert, d. h. zu den schon vorhandenen Bedeutungen kommt eine neue Bedeutung hinzu;
3) die Lautgestalt verbindet sich mit einem weiteren oder engeren Begriff, d. h. sie bezieht sich auf eine weitere oder engere Klasse von Gegenständen.
Zunächst muss man die Bezeichnungsübertragung von der Bedeutungserweiterung und Bedeutungsverengung abgrenzen.
Bei der Bezeichnungsübertragung geht es um die Übertragung der Bezeichnung (des Namens, der Lautgestalt, des Formativs) von einem Gegenstand auf einen anderen bzw. von einer Erscheinung auf eine andere. Diese Übertragung der Namensbezeichnung muss motiviert sein. Das erkennende Subjekt vergleicht Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Realität, stellt ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest. Im menschlichen Bewusstsein sind die widergespiegelten Gegenstände durch bestimmte Beziehungen und Assoziationen miteinander verbunden, und das ermöglicht die Übertragung des Namens. Im Ergebnis dieser Namensübertragung entsteht eine übertragene Bedeutung des Wortes.
Bei der Bedeutungsübertragung werden neue Sachverhalte mit bereits bestehenden Formativen auf Grund einer Ähnlichkeit, einer Assoziation benannt. Je nach den Assoziationen unterscheidet man die Arten der Bezeichnungsübertragung: metaphorische und metonymische. Die metaphorische Übertragung beruht auf Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Gegenständen und Erscheinungen, die unterschiedlich sein können: äußere Ähnlichkeit, Ähnlichkeit der Funktion und des inneren Merkmals.
Metapher ist die Übertragung der Namensbezeichnung auf Grund einer äußeren oder inneren Ähnlichkeit. Die Metapher ist der Prozess und das Resultat der Bezeichnungsübertragung – die neue übertragene Bedeutung des Lexems. Die Metaphern sind polyfunktional. Sie können eine rein benennende Funktion erfüllen, z und eine wertende, oft abwertende Funktion. Eine metaphorische Übertragung kann auch auf Grund einer Ähnlichkeit nach der Funktion erfolgen.
Als Sonderformen der Metapher betrachtet man die Synästhesie und die Personifizierung. Bei der Synästhesie handelt es sich um die Bezeichnungsübertragungen aus einem Sinnesbereich in einen anderen, z. B. von akustischer Wahrnehmung auf optische (schreiende Farben), von optischer zur akustischen Wahrnehmung (eine helle Stimme). Die Erweiterung des Bedeutungsumfanges von Lexemen durch metaphorische Bezeichnungsübertragung ist in der Gegenwartsprache sehr produktiv.
Unter Personifizierung als Sonderfall der Metapher versteht man die Übertragung der Eigenschaften eines Lebewesens auf Gegenstände oder Erscheinungen. In der deutschen Sprache gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie Wortbedeutungen leblose Dinge als handelnde Personen darstellen (Abend kommt).
Im Unterschied zur Metapher beruht die Metonymie nicht auf bestimmter Ähnlichkeit, sondern auf objektiv gegebenen oder gemeinten Zusammenhängen. Es geht um Übertragung der Namensbezeichnung von einer Erscheinung auf eine andere, von einem Gegenstand auf einen anderen aufgrund eines Zusammenhangs räumlicher, zeitlicher oder ursächlicher Art zwischen den durch dasselbe Wort bezeichneten Dingen oder Erscheinungen. Kurz gesagt, Metonymie ist eine Art von Bezeichnungsübertragung auf Grund mannigfaltiger Bedeutungsbeziehungen. Das sind räumliche, zeitliche, ursächliche Beziehungen, Beziehung zwischen Handlung und Resultat. Kausale Bedeutungsbeziehungen haben wir, wenn der Name des Erfinders für die Erfindung selbst gebraucht wird.
Als besonders häufige Arten der metonymischen Übertragung seien genannt:
1) Bezeichnung des Stoffes – Bezeichnung des Produktes aus diesem Stoff;
2) Bezeichnung der Handlung – Bezeichnung des Produktes der Handlung;
3) Bezeichnung der Handlung – Bezeichnung der sie ausführenden Person;
4) Bezeichnung des Teils zur Bezeichnung des Ganzen;
5) Bezeichnung des Ganzen zur Bezeichnung des Teils;
6) Bezeichnung der Eigenschaft – Bezeichnung des Eigenschaftsträgers.
Bei der Analyse eines Wortes aus der Sicht des Bedeutungswandels ist es wichtig, das Verhältnis zwischen der übertragenen Bedeutung und der Grundbedeutung zu berücksichtigen. Je nachdem, ob die innere Beziehung zwischen der übertragenen und der direkten Bedeutung sehr deutlich, nicht ganz klar oder völlig verschwunden ist, muss man die zu analysierenden Metaphern / Metonymien einer der drei Gruppen zuordnen:
1) lebendige Metapher / Metonymie (die innere Beziehung zwischen der direkten und der übertragenen Bedeutung tritt sehr klar zutage;
2) verblasste Metapher / Metonymie (die innere Beziehung zwischen der direkten und der übertragenen Bedeutung ist verblasst;
3) tote Metapher / Metonymie bzw. Ex-Metapher / Ex-Metonymie (die innere Beziehung zwischen den beiden Bedeutungen ist verloren gegangen, weil das Wort die Grundbedeutung eingebüßt hat.
4) Jede Sprache ist an toten Metaphern reich, deren Bildwert erst mit Hilfe der etymologischen Betrachtung erschlossen wird. Um im Text tote Metaphern / Metonymien feststellen zu können, muss man deren Geschichte kennen.
Von der Bezeichnungsübertragung als Erscheinungsart des Bedeutungswandels grenzen wir die Veränderung des Bedeutungsumfanges des Wortes ab, die als Bedeutungserweiterung und Bedeutungsverengung auftritt. Im Resultat dieser Art der semantischen Entwicklung des Wortes werden anders als bei der Bezeichnungsübertragung nicht neue Bedeutungen geschaffen. Es geht hier um die Bezogenheit des Formativs auf einen weiteren Begriff oder auf einen engeren Begriff. Der Bedeutungsumfang stellt also die Bezogenheit des Wortes auf eine bestimmte Klasse von Denotaten dar, die von dem jeweiligen Wort bezeichnet werden.
Die Bedeutungserweiterung meint die Erweiterung des Bedeutungsumfanges eines Wortes nach dem Prozess des Bedeutungswandels. Der parallele Terminus ist die Generalisierung der Bedeutung. In diesem Sinne versteht man unter Bedeutungserweiterung (Generalisierung der Bedeutung) die semantische Entwicklung des Wortes in der Richtung vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Konkreten zum Abstrakten. Im Resultat dieser Entwicklung bezieht sich das Wort auf einen weiteren Begriff. Die Bedeutungserweiterung ist oft Begleiterscheinung beim Übergang eines Wortes aus einer Gruppensprache in die Gemeinsprache.
Die Bedeutungsverengung besteht darin, dass ein Wort mit einem ursprünglichen breiten Bedeutungsumfang später nur noch einen Teil der Bedeutung aufweist. Der parallele Terminus heißt Spezialisierung der Bedeutung. Die Bedeutungsverengung (Spezialisierung der Bedeutung) ist das Gegenstück zur Bedeutungserweiterung. Sie entsteht als Ergebnis der semantischen Entwicklung eines Wortes vom Allgemeinen zum Einzelnen, vom Abstrakten zum Konkreten. Infolgedessen bezeichnet das Wort eine engere Klasse von Gegenständen.
Es sei betont, dass die Bedeutungserweiterung bzw. Bedeutungsverengung erst durch den Vergleich der ursprünglichen Wortbedeutung mit der heutigen festgestellt werden können.