»Sie reisen als wohlhabender Privatmann (Вы поедете как состоятельное частное лицо;
»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte (не знаю, что и делать)«, sagte Johann tieftraurig (подавленно: «глубоко-грустно» сказал Иоганн). »Und ich darf Sie während der ganzen Zeit nicht ansprechen (и все это время мне нельзя с Вами заговорить)?«
18. Der Geheimrat schüttelte den Kopf. »Keine Bange, mein Kind. Johann fährt ja mit. Er wird die zehn Tage im gleichen Hotel verleben. Wir werden einander allerdings nicht kennen und kein einziges Wort wechseln. Aber er wird jederzeit in meiner Nähe sein.«
Johann saß niedergeschlagen auf seinem Stuhl.
»Morgen lassen wir Ihnen bei meinem Schneider mehrere Anzüge anmessen. Sie werden wie ein pensionierter Großherzog aussehen.«
»Wozu?« fragte Johann. »Ich habe noch nie etwas anderes sein wollen als Ihr Diener.«
Der Geheimrat erhob sich. »Wollen Sie lieber hierbleiben?«
»Aber nein«, erwiderte Johann. »Wenn Sie es wünschen, reise ich als Großherzog.«
»Sie reisen als wohlhabender Privatmann«, entschied Tobler. »Warum soll es immer nur mir gutgehen! Sie werden zehn Tage lang reich sein.«
»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte«, sagte Johann tieftraurig. »Und ich darf Sie während der ganzen Zeit nicht ansprechen?«
19. »Unter gar keinen Umständen (ни при каких обстоятельствах;
»Ich kann nicht Skifahren (я не умею кататься на лыжах)«, entgegnete der Diener (возразил камердинер).
»Dann werden Sie es lernen (тогда Вы этому будете учиться).«
Johann sank in sich zusammen (Иоганн съежился). »Darf ich wenigstens manchmal in Ihr Zimmer kommen und aufräumen (могу я хоть иногда приходить в Вашу комнату и прибираться)?«
»Nein.«
»Ich werde bestimmt nur kommen, wenn niemand auf dem Korridor ist (я буду заходить только тогда, когда никого не будет в коридоре;
»Vielleicht (может быть)«, sagte der Geheimrat.
Johann blühte wieder auf (Иоганн опять ожил;
»Ich bin sprachlos (у меня нет слов;
»Wirklich (в самом деле)?« fragte Hilde. »Im Ernst (серьезно)?«
Tobler winkte ab (Тоблер махнул рукой). »Leere Versprechungen (пустые обещания;
19. »Unter gar keinen Umständen. Mit einem so armen Mann wie mir haben Herrschaften aus Ihren Kreisen nichts zu schaffen. Statt dessen dürfen Sie sich aber mit Baronen und internationalen Sportgrößen unterhalten. Richtig, eine Skiausrüstung werden Sie übrigens auch brauchen!«
»Ich kann nicht Skifahren«, entgegnete der Diener.
»Dann werden Sie es lernen.«
Johann sank in sich zusammen. »Darf ich wenigstens manchmal in Ihr Zimmer kommen und aufräumen?«
»Nein.«
»Ich werde bestimmt nur kommen, wenn niemand auf dem Korridor ist.«
»Vielleicht«, sagte der Geheimrat.
Johann blühte wieder auf.
»Ich bin sprachlos«, sagte die Kunkel.
»Wirklich?« fragte Hilde. »Im Ernst?«
Tobler winkte ab. »Leere Versprechungen!«
20. »Über fünfzehn Jahre bin ich in diesem Hause (я нахожусь в этом доме уже больше пятнадцать лет)«, sagte die Kunkel. »Und es war dauernd etwas los (и постоянно что-то происходило). Der Herr Geheimrat hat immer schon zu viel Phantasie und zu viel Zeit gehabt (у господина тайного советника всегда была чересчур богатая фантазия и слишком много свободного времени;
»Ich fürchte, Sie sind vom Thema abgekommen (боюсь, Вы уклонились от темы;
Der Geheimrat lächelte gutmütig (Тоблер добродушно улыбнулся). »Hausdamen, die bellen, beißen nicht (экономки, которые лают, не кусаются)«, sagte er.
20. »Über fünfzehn Jahre bin ich in diesem Hause«, sagte die Kunkel. »Und es war dauernd etwas los. Der Herr Geheimrat hat immer schon zu viel Phantasie und zu viel Zeit gehabt. Aber so etwas ist mir denn doch noch nicht passiert! Herr Geheimrat, Sie sind das älteste Kind, das ich kenne. Es geht mich nichts an. Aber es regt mich auf. Dabei hat mir der Doktor jede Aufregung verboten. Was hat es für Sinn, wenn Sie mich ein Jahr ums andere ins Herzbad schicken, und kaum bin ich zurück, fängt das Theater von vorne an? Ich habe jetzt mindestens hundertzwanzig Pulsschläge in der Sekunde. Und der Blutdruck steigt mir bis in den Kopf. Das hält kein Pferd aus. Wenn ich wenigstens die Tabellen einnehmen könnte. Nein, die Tabletten. Aber ich kriege sie nicht hinunter. Sie sind zu groß. Und im Wasser auflösen darf man sie nicht. Denke ich mir wenigstens. Weil sie dann nicht wirken.« Sie hielt erschöpftinne.
»Ich fürchte, Sie sind vom Thema abgekommen«, meinte Hilde.
Der Geheimrat lächelte gutmütig. »Hausdamen, die bellen, beißen nicht«, sagte er.
Das dritte Kapitel
(глава третья)
Mutter Hagedorn und Sohn (матушка Хагедорн и сын)
21. Am selben Tage, ungefähr zur gleichen Stunde, klopfte Frau Hagedorn in der Mommsenstraße an die Tür ihres Untermieters Franke (в тот же день и примерно в тот же час фрау Хагедорн, /живущая/ на Моммзенштрассе, постучалась в дверь своего квартиранта Франке;
»Herein (войдите)!« rief Herr Franke (крикнул господин Франке). Er saß am Tisch und korrigierte Diktathefte (он сидел за столом и проверял тетради с диктантами;
»Vorsicht, Vorsicht (осторожней;
»Zwei Tassen (две чашки)«, sagte Herr Franke.
»Haben Sie schon die Zeitung gelesen (Вы уже читали газету)?« Die Apfelbäckchen der alten Dame glühten (морщинистые щечки старой дамы зарумянились;
Franke schüttelte den Kopf (Франке покачал головой).
21. Am selben Tage, ungefähr zur gleichen Stunde, klopfte Frau Hagedorn in der Mommsenstraße an die Tür ihres Untermieters Franke. Es ist nicht sehr angenehm, in der eigenen Wohnung an fremde Türen klopfen zu müssen. Aber es lässt sich nicht immer vermeiden. Am wenigsten, wenn man eine Witwe mit einem großen Sohn und einer kleinen Rente ist und wenn der große Sohn keine Anstellung findet.
»Herein!« rief Herr Franke. Er saß am Tisch und korrigierte Diktathefte. »Saubande!« murmelte er. Er meinte seine Schüler. »Die Lausejungen scheinen manchmal auf den Ohren zu sitzen, statt auf...«
»Vorsicht, Vorsicht«, äußerte Frau Hagedorn. »Ich will das nicht gehört haben, was Sie beinahe gesagt hätten. Wollen Sie eine Tasse Kaffee trinken?«
»Zwei Tassen«, sagte Herr Franke.
»Haben Sie schon die Zeitung gelesen?« Die Apfelbäckchen der alten Dame glühten.
Franke schüttelte den Kopf.
22. Sie legte eine Zeitung auf den Tisch (она положила газету на стол). »Das Rotangestrichene (отчеркнутое красным;
Als sie mit dem Kaffee zurückkam, sagte der Untermieter (когда она вернулась с кофе, жилец сказал;
»Schon in fünf Tagen (уже через пять дней). Ich muss rasch ein paar Hemden für ihn waschen (надо срочно постирать ему несколько рубашек). Das ist bestimmt wieder so ein pompöses Hotel, wo jeder einen Smoking hat (ведь это, наверняка, снова такой шикарный отель, где у каждого есть смокинг;
Der Lehrer schlürfte seinen Kaffee (учитель отхлебнул кофе). »Das wievielte Preisausschreiben ist das eigentlich, das der Herr Doktor gewonnen hat (какой же это по счету конкурс выиграл господин доктор)?«
22. Sie legte eine Zeitung auf den Tisch. »Das Rotangestrichene«, meinte sie stolz.
Als sie mit dem Kaffee zurückkam, sagte der Untermieter: »Ihr Sohn ist ein Mordskerl. Schon wieder einen ersten Preis! In Bruckbeuren ist es sehr schön. Ich bin auf einer Alpenwanderung durchgekommen. Wann geht die Reise los?«
»Schon in fünf Tagen. Ich muss rasch ein paar Hemden für ihn waschen. Das ist bestimmt wieder so ein pompöses Hotel, wo jeder einen Smoking hat. Nur mein Junge muss im blauen Anzug herumlaufen. Vier Jahre trägt er ihn nun. Er glänzt wie Speckschwarte.«
Der Lehrer schlürfte seinen Kaffee. »Das wievielte Preisausschreiben ist das eigentlich, das der Herr Doktor gewonnen hat?«
23. Frau Hagedorn ließ sich langsam in einem ihrer abvermieteten roten Plüschsessel nieder (фрау Хагедорн медленно опустилась в свое сданное в аренду красное плюшевое кресло;
Franke nickte (Франке кивнул). Die alte Frau legte ihre abgearbeiteten Hände, an denen sie die sieben Erfolge ihres Sohnes hergezählt hatte, in den Schoß und lächelte (cтарая женщина сложила натруженные руки, по которым она перечисляла семь удач своего сына, и улыбнулась;
23. Frau Hagedorn ließ sich langsam in einem ihrer abvermieteten roten Plüschsessel nieder. »Das siebente! Da war erstens vor drei Jahren die große Mittelmeerreise. Die bekam er für zwei Zeilen, die sich reimten. Na, und dann die zwei Wochen im Palace Hotel von Château Neuf. Das war kurz bevor Sie zu uns zogen. Dann die Norddeutsche Seebäderreise. Beim Preisausschreiben der Verkehrsvereine. Dann die Gratiskur in Pystian. Dabei war der Junge gar nicht krank. Aber so etwas kann ja nie schaden. Dann der Flug nach Stockholm. Hin und zurück. Und drei Tage Aufenthalt an den Schären. Im letzten Frühjahr vierzehn Tage Riviera. Wo er Ihnen die Karte aus Monte Carlo schickte. Und jetzt die Reise nach Bruckbeuren. Die Alpen im Winter, das ist sicher großartig. Ich freue mich so. Seinetwegen. Für tagsüber hat er ja den Sportanzug. Er muss wieder einmal auf andere Gedanken kommen. Könnten Sie ihm vielleicht Ihren dicken Pullover leihen? Sein Mantel ist ein bisschen dünn fürs Hochgebirge.«
Franke nickte. Die alte Frau legte ihre abgearbeiteten Hände, an denen sie die sieben Erfolge ihres Sohnes hergezählt hatte, in den Schoß und lächelte. »Den Brief mit den Freifahrscheinen brachte der Postbote heute früh.«
24. »Es ist eine bodenlose Schweinerei (это неимоверное свинство;
»Vorsicht, Vorsicht (осторожней)!« warnte Frau Hagedorn (предупредила фрау Хагедорн). »Er ist heute zeitig fort (он сегодня рано ушел). Ob er's schon weiß (знает ли он уже об этом)? Er wollte sich wieder einmal irgendwo vorstellen (он снова хотел где-то пройти собеседование /по поводу работы/: «представиться»).«
»Warum ist er denn nicht Lehrer geworden (почему же он не стал учителем)?« fragte Franke. »Dann wäre er jetzt an irgendeinem Gymnasium, würde Diktathefte korrigieren und hätte sein festes Einkommen (был бы сейчас в какой-нибудь гимназии, проверял диктанты, получал бы твердое жалованье;
»Reklame war schon immer seine Leidenschaft (реклама всегда была его страстью;
»Und ich werde die Diktate zu Ende korrigieren (а я проверю до конца диктанты = а я закончу с диктантами;
»Vorsicht, Vorsicht!« sagte die alte Dame, steckte die Zeitung wieder ein und segelte in die Küche (сказала пожилая дама, взяла газету и двинулась в кухню;
24. »Es ist eine bodenlose Schweinerei!« knurrte Herr Franke. »Ein so talentierter Mensch findet keine Anstellung! Man sollte doch tatsächlich ...«
»Vorsicht, Vorsicht!« warnte Frau Hagedorn. »Er ist heute zeitig fort. Ob er's schon weiß? Er wollte sich wieder einmal irgendwo vorstellen.«
»Warum ist er denn nicht Lehrer geworden?« fragte Franke. »Dann wäre er jetzt an irgendeinem Gymnasium, würde Diktathefte korrigieren und hätte sein festes Einkommen.«
»Reklame war schon immer seine Leidenschaft«, sagte sie. »Seine Doktorarbeit handelte auch davon. Von den psychologischen Gesetzen der Werbewirkung. Nach dem Studium hatte er mehrere Stellungen. Zuletzt mit achthundert Mark im Monat. Weil er so tüchtig war. Aber die Firma ging bankrott.« Frau Hagedorn stand auf. »Nun will ich aber endlich die Hemden einweichen.«
»Und ich werde die Diktate zu Ende korrigieren«, erklärte Herr Franke. »Hoffentlich reicht die rote Tinte. Mitunter habe ich das dumpfe Gefühl, die Bengels machen nur so viele Fehler, um mich vor der Zeit ins kühle Grab zu bringen. Morgen halte ich ihnen eine Strafrede, dass sie denken sollen ...«
»Vorsicht, Vorsicht!« sagte die alte Dame, steckte die Zeitung wieder ein und segelte in die Küche.
25. Als Doktor Hagedorn heimkam, dämmerte es bereits (когда вернулся доктор Хагедорн, уже смеркалось). Er war müde und verfroren (он был усталым и замерзшим = устал и замерз). »Guten Abend«, sagte er und gab ihr einen Kuss (сказал он и поцеловал ее: «и дал ей поцелуй»;
Sie stand am Waschfass, trocknete rasch die Hände und reichte ihm den Brief der Putzblank-Werke (она стояла у корыта, быстро вытерла руки и протянула ему письмо от фирмы «Путцбланк»;
»Bin im Bilde (уже знаю;
»Kopf hoch, mein Junge (выше голову, мой мальчик)!« sagte die Mutter. »Jetzt fährst du erst einmal zum Wintersport (сначала ты поедешь заниматься зимним спортом;
25. Als Doktor Hagedorn heimkam, dämmerte es bereits. Er war müde und verfroren. »Guten Abend«, sagte er und gab ihr einen Kuss.